…immer noch nicht???

Heute fragte mich eine Frau, die ich recht lange nicht gesehen habe, ob ich denn immer noch nicht schwanger sei. Ich kenne diese Frage von ihr. Es ist immer das Erste, was sie zu mir sagt, wenn sie mich sieht. Sie kommt aus Syrien – einer Kultur, in der einer Hochzeit immer unmittelbar ein Baby folgt.

Zum einen verstehe ich die Frage nicht. Also mal ganz abgesehen von meiner Situation jetzt – Meint sie, wenn sie fragt, sie könnte vielleicht die Erste sein, der ich es erzählen würde? Die Frage nimmt jeglichen Überraschungsmoment und platzt direkt mit der Tür ins Haus. Will man sowas denn wirklich auf diese Art und Weise erfahren?
Zum anderen wundere ich mich, dass die Kultur (wenn es da allgemein so Gang und Gebe ist) da so gar kein Feingefühl zu haben scheint, auch nicht die Frauen unter sich. Würde sie das Gleiche zum Beispiel eine Frau fragen wollen, die seit Jahren versucht, schwanger zu werden? Das gibt es ja nun auch überall!

Nun ist es so, dass ich diese Frau sehr mag. Aber als sie mich das heute mit ihrem Blick auf meinen Bauch gerichtet fragte, löste das neben einer peinlichen Berührung gleichzeitig auch richtigen Ärger in mir aus. Bin ich für sie nichts weiter als eine Frau, die gebären muss? Ist das alles, was ihr einfällt, wenn sie mich sieht?

Eher aus einem Affekt heraus erzählte ich ihr daraufhin unverblümt die Wahrheit. Dass dies eine schwere Frage für mich sei, weil ich ein Baby verloren habe. Sie war kurz ruhig und schaute mich nur verwirrt an. Dann wurde ihr Gesicht mit einem Mal viel sanfter. Wann, wollte sie wissen. Ihre nächste Frage irritierte mich: „Allein?“ Auf meine Nachfrage hin fragte sie konkreter: „Warst du allein oder hast du ein Medikament genommen?“ [Hier fragte sie nach einer Kleinen Geburt oder Ausschabung.] Sofort wusste ich, was sie mir daraufhin erzählte: „Ich habe auch ein Baby verloren. Aber schon viel eher, in der sechsten Woche. Aber ich bin gleich danach wieder schwanger geworden. Mein Mann möchte viele Kinder…“ Sie hat nun fünf Kinder und er drängelt nach einem sechsten. Sie war völlig überfordert mit meiner Aussage, dass ich nicht gleich im nächsten Monat wieder schwanger werden wollte.

Es war das erste Mal, dass ich mit einer „ebenfalls Betroffenen“ darüber sprach und nicht das Gefühl hatte, verstanden worden zu sein. Diese Frau durfte scheinbar ihre Trauer nie zulassen. Sie musste das Erlebte einfach wegstecken und weitermachen. Und gleichzeitig war da trotzdem dieser Blick in ihren Augen, der uns verband.

Kurz danach fühlte ich mich schlecht. Zum ersten Mal hatte ich das Erlebte als Rechtfertigung genutzt und nicht aus einer offenen Atmosphäre heraus erzählt. Aber irgendwie glaube ich, dass wir beide etwas aus dem Gespräch mitgenommen haben und unsere Herzen ein Stückchen weiter zusammengerutscht sind.

Mensch ärgere dich nicht

Heute habe ich mit einigen Kindern Mensch ärgere dich nicht gespielt. Währenddessen fiel mir auf, dass dieses Spiel einen Gefühlszustand perfekt wiederspiegelt, in welchem ich mich in letzter Zeit immer wieder befinde.

Bei dem Spiel erarbeitest du dir mühsam Zug für Zug, du kommst mehr oder weniger schnell voran und nimmst bereits schnell eine Platzierung unter den anderen Mitspielern ein.
Und dann würfelt einer, setzt und – du fliegst raus. Im besten Fall entschuldigt der Rausschmeißer sich noch; richtig fies ist es dagegen, wenn du dazu noch ausgelacht wirst. Aber es hilft alles nichts: Du musst zurück und von vorn anfangen. Dreimal würfeln; und es kann lange dauern, bis du rauskommst! Und dann gehst du den gleichen Weg nochmal, Stück für Stück. Nur ab und zu überlegst du, wo du jetzt wärst, wenn du nicht rausgeworfen worden wärst…

Ziemlich genau so habe ich mich nach dem Verlust meines Babys gefühlt. Drei Monate war ich schwanger, plante die nächsten Monate mit dickem Bauch. Und dann zack, raus. Nochmal von vorn? Darauf hatte ich echt keinen Bock, der Gedanke an ein neues Baby hat mich regelrecht genervt und ich konnte mir es nicht vorstellen, wieder bei Null zu starten. Und sowieso, bestimmt würde ich voll Angst haben und mir Sorgen machen. Diese blöde 8. Woche, dann die 11. mit all ihren negativen Erinnerungen, darauf hatte ich echt keine Lust!

Aber dann ist ab und zu das Gefühl da, dass ich ja nicht darum herum komme. Eigentlich will ich ja doch irgendwie Kinder haben. Früher oder später muss ich da also durch.

Und wie beim Mensch ärgere dich nicht kommt man dann wohl irgendwann klar mit der neuen Situation. Man fängt halt wieder von vorn an und wenn man sich darauf einlässt, macht das Spiel vielleicht sogar wieder Spaß!

mit der Vergangenheit versöhnt

Ausgelöst durch ein Gespräch mit einer guten Freundin habe ich diese Woche vermehrt darüber sinniert, wie es mir mittlerweile in Bezug auf das Baby geht. Während ich es meistens nicht so richtig in ein Gefühl packen konnte, sondern es eher als ein Auf und Ab wahrgenommen habe, hatte ich diese Woche einen ganz klaren Scheidepunkt. Ich wartete gerade an einer Fußgängerampel und beobachtete die Menschen um mich herum. Und da nahm ich plötzlich ein neues Gefühl in mir wahr:
einen absoluten Frieden über das, was passiert ist.

Ich bin mit meiner Vergangenheit versöhnt, damit, das Baby verloren zu haben. Versteht mich nicht falsch: Wenn ich es mir raussuchen könnte, wäre ich gern im fünften Monat schwanger und würde das Leben in mir spüren, unbedingt!
Aber ich möchte das Geschehene trotzdem nicht missen. Ich habe eine sehr schwere Zeit durchgemacht und das Schlimmste liegt nun hinter mir. Ich habe das irgendwie durchgestanden, den Schmerz ausgehalten. Jetzt trage ich die Gewissheit in mir, dass im Himmel ein Baby auf mich wartet, mein Baby. Und diese Gewissheit möchte ich nicht mehr missen. Ich könnte regelrecht hüpfen vor Freude bei dem Gedanken daran und ich kann die Vorstellung nicht ertragen, ohne diese Zuversicht leben zu müssen. Ich möchte nicht »nicht schwanger« gewesen sein. Es fällt mir schwer, dieses Gefühl in Worte zu packen, vielleicht macht das für Außenstehende keinen Sinn.

Aber für mich war dieser Moment der Erkenntnis ein Durchbruch. Diese Erfahrung, die ich gemacht habe, ist inzwischen okay für mich, sogar schön irgendwie, auch wenn das seltsam, ja fast absurd klingt.
Ich liebe den Gedanken an mein Kind im Himmel, dem es richtig gut geht, und das ich für eine kurze Zeit bei mir tragen durfte.

Ich möchte nicht »nicht schwanger« gewesen sein.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

H19.04.2019
eute ist es nun vier Wochen her, dass ich mein Baby verloren habe. Insgesamt fällt mir auf, dass die Zeit extrem intensiv war und ich von dem Auf und Ab völlig ausgepowert bin. Es gab echt harte Momente, in denen ich so verzweifelt war wie nie zuvor und keinen Sinn mehr in meinem Leben gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, Gott mein Leben lang missverstanden zu haben. Gleichzeitig war mir jedoch die ganze Zeit über bewusst, dass Er an meiner Seite ist und mit mir weint.

Überdies gab und gibt es diese Momente des Friedens, und die werden immer häufiger. Gott ist treu und er trägt mich durch diese Zeit. Er ist wahnsinnig geduldig und lässt mir alle Zeit, die ich brauche. Er lässt mir Ermutigungen zukommen auf jede denkbare Art und nimmt mir langsam die Angst davor, in die Zukunft zu blicken.

Mein Baby ist direkt zu Gott gegangen, ohne die Welt je kennenzulernen.
Eine Zeit lang hat mich die Sehnsucht verrückt gemacht, mein Baby einmal kurz drücken zu können. Bei dem Gedanken kommen mir gleich wieder die Tränen. Ich wünsche es mir immer noch, so sehr wie nichts anderes auf der Welt. Aber ich habe gelernt, die Umarmungen meines Mannes als eine Verbindung zu unserem Baby zu verstehen. In uns beiden liegt auch ein Stück unseres Kindes und darin verbirgt sich eine unglaubliche Kraftquelle für mich.

Vielleicht lässt es sich so ganz gut zusammenfassen:
Das Herz meines Babys ist stehen geblieben, und mein Herz ist irgendwo auf der Strecke hängengeblieben, während ich im Alltag weiter funktionieren muss. Doch es wird heilen und irgendwann wird es wieder hinterherkommen.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

M18.04.2019
omentan ist für mich die größte Herausforderung, gegen Gefühle der Einsamkeit zu kämpfen. Immer wieder klopfen sie an: in der Bahn, während des Laufens, am PC auf Arbeit und vor allem, wenn ich schwangere Frauen oder Mütter mit ihren Kindern sehe. Allein gehe ich durch die Welt, ohne Baby im Bauch und gefühlt auch ohne Unterstützung von außen.

Ich habe das Gefühl, für Gruppen noch nicht geeignet zu sein. Ich weiß nicht wohin mit mir selbst und erschrecke über jedes Lachen von mir, weil ich sofort denke, dass ich doch traurig sein müsste. Ganz stark kämpfe ich zudem mit Minderwertigkeitsgedanken und gehe davon aus, dass sowieso niemand mehr mit mir Zeit verbringen möchte, so depressiv wie ich bin. Ich fühle mich wie eine Versagerin, der es auf die Stirn gestempelt steht. Dabei kenne ich die Wahrheiten, die über mir gelten. Ich weiß, dass ich geliebt und wertvoll bin. Im Kopf zumindest. Aber im Herzen?
Wir fahren jetzt für eine Woche nach Albanien zu einem Jugendeinsatz und ich werde ein Thema in der Mädchengruppe über genau diese Aussagen halten: Du bist unendlich geliebt und Gott hat so gute Gedanken über dich! Es fällt mir überraschend leicht, das über andere auszusprechen, ihre positiven Seiten zu finden und sie damit zu ermutigen. Aber es ist so schwer, das für mich selbst anzunehmen, bis es rüttelfest verankert ist und mich durch solche Tiefen trägt. Dahin möchte ich!

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

D15.04.2019
ie Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Tage sind endlich wieder länger. Der Frühling vertreibt dunkle Gedanken und auch ich spüre, wie mein Innerstes gegen die andauernde Trauer aufbegehrt. Ich möchte wieder ausgelassen lachen, die Sorgen wegwischen und unbeschwert sein! Der Schmerz ist noch da, keine Frage. Sobald ich allein bin, breitet sich die tiefe Leere in mir aus und es scheint falsch, glücklich zu sein. Erst gestern habe ich ein Foto von einem Neugeborenen geschickt bekommen – das hat mich schon erstmal aus der Bahn geworfen. Aber ich strecke mich gleichzeitig danach aus, weiterzugehen und mein Gesicht lächelnd in der Sonne zu wärmen.  
Der Nebel von gestern hat die Erde befeuchtet und seine Spuren hinterlassen, aber die Sonne von heute wärmt und trocknet alles wieder. Und letztendlich bringt genau diese Kombination Leben hervor!

Kurzes körperliches Update:
Gestern hatte ich extreme Unterleibschmerzen und war mir sicher, dass ich über Nacht nun meine Periode bekommen werde. Aber dem war nicht so und nun frage ich mich, was das gestern war…

Emotional werde ich ganz, ganz langsam wieder stabiler. An Tagen, wo ich eine Erinnerung daran brauche, dass ich wertvoll und geliebt bin, trage ich meinen Verlobungsring. Diesen habe ich von meinem Ehemann mit dem Zuspruch bekommen, dass ich ein kostbarer Juwel bin. Ich war (und bin) ganz schön auf der Suche nach meinem Selbstwert durch die ganze Sache. Es ist eine echte Herausforderung, das Erlebte nicht auf mich selbst und meinen Körper zu schieben.

Diese emotionale Achterbahn musste mein Ehemann aushalten und ihr standhalten – und dabei betrifft ihn der Verlust des Babys ja selbst! Ich kann schon verstehen, dass Ehepaare sich voneinander entfernen oder sogar nach so einem Erlebnis auseinandergehen. Das passiert bei uns jetzt glücklichweise nicht! Aber man geht so unterschiedlich damit um und man erwartet so verschiedene Dinge vom anderen. Hinzukommend sind wir beide ja noch nicht lange verheiratet; das heißt wir kennen uns noch nicht so gut. So viele Dinge haben wir in dieser Zeit jetzt missverstanden oder nicht nachvollziehen können, was der andere tat oder sagte. Für uns war der beste und vielleicht einzige Weg, Zeit miteinander zu verbringen, um ganz ehrlich zu reden und miteinander zu beten.
Was auch richtig gut tat:  Wir sind einfach mal an der Haustür losgelaufen und waren stundenlang wandern, Kaffee trinken und beim Griechen essen. Qualitytime 🙂

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

H11.04.2019
ier sitze ich nun also immer noch zuhause mit Kerzen, herzergreifender Musik und einem Tee mit dem passenden Namen „Auszeit“. Die drei freien Tage waren so ganz anders als erwartet. 
Ich fühle mich jetzt, da ich morgen wieder arbeiten werde, überhaupt nicht aufgetankt und voller Lebensenergie. Im Gegenteil, ich habe an allen denkbaren Stellen meines Herzens gekratzt und nun habe ich den Salat: offene Wunden, mit denen ich zurück in den Alltag gehe….

Während der Zeit ist mir aufgefallen, was für ein Tabuthema so eine Auszeit ist. Ich neige selbst nicht zu Krankenscheinen und schleppe mich sogar mit einer Angina noch auf Arbeit. Weil das doch irgendwie Stärke beweist. Naja, jetzt habe ich mir das eben mal herausgenommen und musste dabei feststellen, was für ein Eingeständnis der Schwäche dies gleichzeitig war. 

Es geht mit der Frage los, warum ich zuhause bin. Ääääh, ich bin zur Zeit überfordert und muss einige Dinge verarbeiten… ?
Es geht weiter: Wie lange bleibe ich denn jetzt zuhause? Wann geht es mir denn wieder „gut“? Also, ich habe mich für morgen entschieden, aber gut gehts mir noch lange nicht. Das war eher so eine rein rechnerische Lösung: drei Tage klingt weniger schlimm als vier, das wäre ja fast eine Woche!
Ja und was mache ich hier eigentlich? Beschäftige ich mich genug mit der Fehlgeburt oder mache ich zu viel im Haushalt? Sollte ich nicht lieber noch einmal spazieren gehen und etwas mehr Lobpreis machen?
Einer Freundin schreibe ich, dass gerade alles sehr durcheinander ist – und das trifft es wohl ganz gut.

Ich glaube inzwischen, dass der schwierigste Teil einer Fehlgeburt (eigentlich jedes Verlusts) derjenige ist, in dem ich mich gerade befinde: wenn es darum geht, wieder normal am Alltag teilzunehmen. Die Welt dreht sich weiter. Dein Ehemann redet wieder von anderen Dingen. Die Arbeit fordert höchste Konzentration. Freunde und Familie drehen sich nicht mehr nur um dich. Du hast keine Entschuldigung mehr dafür, einen Heulkrampf auf der Toilette zu bekommen. Überhaupt müsste es doch so langsam wieder gehen. So wurde ich bereits besorgt gefragt, ob ich denn jetzt depressiv werde. Dabei ist es noch keine drei Wochen her und ich zerreiße mich tatsächlich immer noch bei dem Gedanken, mein kleines Baby ein einziges Mal an mich drücken zu dürfen, ihm einmal ins Gesicht zu schauen, es einmal lachen zu sehen. Ich zähle weiter, in welcher Woche ich nun wäre. 

Aber ich möchte nach vorn schauen und bin überzeugt davon, dass der Alltag auch bald wieder seinen Reiz für mich bekommen wird. Vielleicht wird es immer schmerzen, aber es werden neue Dinge kommen, über die ich ausgelassen lachen und bei denen ich jauchzen werde vor Freude. Ich halte daran fest, dass ich ein wunder-volles Leben vor mir habe, und dass mir auch dieses Erlebnis zum Besten dienen wird.
Ich bin gespannt, wie das aussehen wird!

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

I09.04.2019
ch denke immer wieder an mein Baby, in den vielen winzigen Momenten im Alltag: Wenn ich voller Schmerz auf meinen flachen Bauch heruntersehe, wenn ich darauf angesprochen werde, wann ich endlich ein Kind bekomme (und das passiert mir täglich durchschnittlich zweimal!), wenn ich Lachs und Thunfisch und weich gekochte Eier esse…

Aber ich möchte nicht in meinen Gedanken versinken, mich nur um mein eigenes Leid drehen. Ich nehme Anteil am Leben anderer, bin in Kontakt mit Freundinnen, die ebenfalls schwere Zeit durchmachen. Ich möchte weiterhin ein Segen sein, eine Ermutigerin. Leider merke ich aber, wie mir die Last langsam über den Kopf wächst.

Während ich versuche, mit meinem schlimmen Erlebnis klarzukommen, der nun Teil meines Lebenslaufes ist, dreht sich die Welt ja immer weiter. Es kommen neue Probleme und Herausforderungen für mich hinzu. Zunächst tangieren sie mich nicht ganz so sehr, weil ich sie verhältnismäßig als nicht so schlimm erachte. Aber es gibt Momente, in denen dann alles auf mich einstürzt, wo es mich überfordert, wo ich aus dem Gleichgewicht gerate. An solchen Tagen kommt dann eins zum anderen: Die Unterlagen für den Hausbau müssen geprüft werden, die Jugendleitung will sich treffen, am Abend haben wir zudem einen Termin und statt uns gegenseitig zu ermutigen, streiten mein Mann und ich uns noch.

Im Moment habe ich tatsächlich das Gefühl, den Alltag nicht so richtig hinzubekommen. Die Termine sind zu dicht gepackt, die Arbeit zu aufwühlend und herausfordernd und die Ehe zu spannungsgeladen. Ich persönlich habe im Laufe der letzten Wochen mein gesamtes Selbstwertgefühl eingebüßt und versuche nun, jeden Tag einzeln zu nehmen und durchzuhalten.

Aus diesem Grund bin ich heute Morgen liegen geblieben. Ich habe mich einfach auf die andere Seite gedreht und weitergeschlafen. Ich habe viele Dinge durcheinander geträumt, Belangloses und Verrücktes. Als ich dann wieder aufgewacht bin, habe ich meiner Chefin Bescheid gegeben, dass ich heute nicht auf Arbeit komme. Ich möchte einen Cut machen. Ich möchte nochmal anhalten und die Dinge ordnen. So kann ich nicht weitermachen. Also koche ich mir einen Kaffee, setze mich an unsere große Fensterfront und schaue nachdenklich nach draußen in die vernebelte Landschaft. Mir wird klar, dass ich Gott in den letzten Tagen nicht mehr gespürt habe. Aber das ist auch nicht verwunderlich, weil Er keinerlei Raum bekommen hat. Ich bin von einem Termin zum nächsten gehetzt und wenn Er zu mir sprechen wollte, habe ich alles verdrängt, um nicht in einem unpassenden Moment in Tränen auszubrechen.

Heute will ich mir Zeit nehmen – für Gott und für mich. 

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

E24.03.2019
s dauert lange, bis ich mich das erste Mal wieder bewusst im Spiegel betrachten kann. So sieht also eine Frau aus, die ihr Baby verloren hat. So viel Traurigkeit liegt in ihren Augen. Ob diese jemals wieder der Freude weichen kann? Ob der Schmerz nachlassen wird? Ich möchte doch strahlen!

Ähnlich geht es mir mit meinem Körper. Das ganze Blut, das ich verliere, lässt mich vor mir selbst ekeln. Bald schon schmeiße ich das blutverschmierte Klopapier wütend in die Toilette. Wird es nie ein Ende nehmen? Habe ich nicht genug ertragen? Muss ich jetzt wirklich noch länger auch körperlich leiden? Außerdem sind da die Schuldgefühle, die mich meinen Körper in einem neuen Licht betrachten lassen. Was stimmt mit mir nicht? Warum ist das Baby in meinem Körper gestorben? Warum funktioniert er nicht ordentlich?

Doch unterbewusst spüre ich, wie sehr mein Körper kämpft. Noch habe ich starke Bauchkrämpfe und mein Kreislauf ist sehr instabil. Sobald ich länger nichts gegessen habe, weicht meine Energie, ich werde noch schwächer und mein Kreislauf  zwingt mich zur absoluten Ruhe. Ich beginne fast widerwillig zu realisieren, wie stark mein Körper ist. Er kämpft, und er gibt nicht auf. Gegen meinen Willen holt er sich jede Mahlzeit ohne Kompromisse. Er zieht mich mit und beeindruckt mich damit irgendwie. Und das, obwohl ich ihn gerade echt nicht leiden kann!

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

D23.03.2019
ie Nacht war schrecklich. Während tagsüber mein Körper unter Höchstleistung gearbeitet hat und kein Platz für Gefühle war, beginnt abends im Bett mein Herz langsam zu realisieren, was heute eigentlich passiert ist. Zunächst liege ich geschockt da, starre ins Leere und kann mich mit dem Erlebten nicht identifizieren. Es kommt mir unwirklich und zu schrecklich vor. Dann wallt ein unerträgliches Gefühl auf. Es zerreißt mir das Herz, ich will schreien und wegrennen, mich in Luft auflösen und mein Leben mit dem meines Babys tauschen. Fast erlösend ist es, als dann die Tränen strömen. Unendliche Traurigkeit umhüllt mich und lässt mich noch lange diesen Tag beweinen.

Heute beerdigen wir das Baby. Es ist ein nicht in Worte zu fassendes Gefühl, an einem so winzigen Grab zu stehen und ein Kind zu begraben, das man nicht kennengelernt hat. Wie hätte es ausgesehen, was hat es von mir vererbt bekommen? Es hatte ja bereits eine Augenfarbe!
Dennoch stehen mein Mann und ich nicht verzweifelt hier.
In dem Brief, den ich meinem Baby geschrieben habe, nenne ich es meinen kleinen Held. Es hat nur kurz gelebt – Aber in seinen 45 Tagen Leben hat es eine so bewegende Geschichte geschrieben! Es hat so viele Menschen ganz nahe zu Gott gezogen, darauf hingewiesen, worum es wirklich geht und es war unendlich geliebt, von so vielen Menschen. Und damit ist es mir zum Vorbild geworden.

Nun ist es nicht mehr hier, es geht ihm richtig gut bei unserem Vater. Von Ihm bekommt es einen Namen und dort wird es auf uns warten. Im Himmel werden wir unser Kind kennenlernen – Was für eine Aussicht! Gott ist treu.
In den nächsten Stunden und Tagen überkommen mich dennoch immer wieder Wellen der Verzweiflung. Mein Herz scheint jedes Mal mehr zu zerreißen. Mein Baby…
Inzwischen mache ich es mir aber zur Gewohnheit, mir selbst sofort Wahrheiten zuzusprechen und mich daran zu erinnern, wer ich in Gottes Augen bin, wenn die negativen Gedanken der Schuld wieder in mir hochkommen wollen.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

M22.03.2019
ein Wecker klingelt: Zeit, auf Arbeit zu gehen! Als ich ins Bad die Treppe hinunter gehe, ist mir schnell klar, dass ich in diesem Zustand und mit dem Kreislauf keinesfalls allein Zug fahren und arbeiten gehen kann. Zurück im Bett schreibe ich meiner Arbeitskollegin und sage ab. Mein Bauch krampft so sehr, dass ich mich wundere, wie ich schlafen konnte. Ich drehe mich hin und her, sicher, dass ich nicht noch einmal einschlafen werde. Es gelingt mir dann aber doch.

Zwei Stunden später wache ich erneut auf. Das Aufstehen fällt mir schwer, ich muss mich stützen. Auf dem Klo erschrecke ich dann: Das Blut läuft in Strömen aus mir heraus, darunter auch ein großer Klumpen. Es will gar nicht aufhören und ich sacke innerlich zusammen. Das ist es jetzt wohl: Die Kleine Geburt geht los. Ich gehe in die Küche, um mir einen Pfefferminztee zu machen. Vielleicht hilft er meinem Bauch, alles herauszupressen. Gerade, als der Wasserkocher angeschaltet ist, spüre ich, wie mein Kreislauf zusammenklappt. Es wird dunkel um mich herum, mir wird übel und ich habe gerade noch Zeit, mich auf den Boden zu legen. Dort liege ich wohl eine Weile, bis ich langsam wieder richtig zu Bewusstsein komme. Mehr und mehr spüre ich die Schweißperlen auf meiner Haut und die kühle Luft, die zum Fenster hereinkommt. Sie tut unendlich gut! Ich denke daran, dass mir Cola für diesen Moment empfohlen wurde. Aber die ist am anderen Ende des Zimmers und ich mag Cola ja eigentlich eh nicht. Ich bleibe noch ein wenig liegen und genieße den kühlen Luftzug. Dann stehe ich langsam auf und stütze mich an die Wand. Ich rufe meinen Mann einige Male sehr schwach. Als er kommt, nimmt er mich in den Arm und spürt, dass ich schwitze. Er begleitet mich zum Sofa und holt ein Nudelsieb: Damit wollen wir versuchen, das Baby aufzufangen. Ich gehe gleich noch einmal aufs Klo und wieder strömt es in erschreckenden Mengen aus mir heraus. In diesem Moment wird das Baby geboren, was wir aber erst später entdecken werden.

Nach einer ausgiebigen Erholungsphase auf dem Sofa geht es mir dann wieder wesentlich besser. Der Kreislauf stabilisiert sich, die Blutungen werden seltener und weniger stark. Nach einer Stunde etwa ist das Schlimmste überstanden. Wir frühstücken und ich habe mit einem Mal richtig Hunger. Anschließend finden wir das Baby und sind so dankbar, dass es recht eindeutig zu erkennen ist: Der Kopf, die Arme, und sind da vielleicht sogar die Augen? Es ist ein bewegender Moment und ich spüre tiefen Frieden in mir. Das kleine Wesen hat zwei Wochen lang ein klopfendes Herz gehabt. Es liegt hier vor seinen Eltern, die es unbeschreiblich lieben. So gern wir es kennengelernt hätten, so tröstlich ist es doch zu wissen, dass das hier nur die Hülle ist, dass das Baby selbst inzwischen in Gottes Armen liegt. Mein Mann baut einen kleinen Sarg aus einer Holztruhe, in die wir das Baby legen. Morgen wollen wir es beerdigen.

Leider muss mein Mann heute noch in die Schule und unterrichten. Der Abschied ist überstürzt und schmerzlich. Im Nachhinein erzählt er mir von seiner Autofahrt, auf der er viel gebetet und geweint hat.

Damit ich in dieser Zeit nicht allein bin, habe ich meine Schwester eingeladen. Sie kommt mit ihren beiden Söhnen und wir haben eine gute Zeit mit tiefgründigen und offenen Gesprächen, aber auch mit Ablenkung und Spaß. Es versetzt mir einen Stich ins Herz zu sehen, wie traurig sie ist. Ich wünsche mir so sehr, Freude zu verbreiten, ein Segen zu sein. Stattdessen bringe ich zur Zeit alle nur zum Weinen, sie wissen nicht, was sie sagen sollen und statt eine Zeugin eines Wunders zu sein, muss ich gestehen, dass das erwartete Wunder nicht eingetreten ist.
Während sie da ist, bekomme ich die Nachgeburt. Es ist geschafft! Da sie mit den Kids zurück nach Hause muss, wird sie von meiner Mutter abgelöst. Mit ihr habe ich auch eine sehr intensive Zeit. Sie vermittelt mir das Gefühl, stolz auf mich zu sein. Gott traut mir viel zu und es ist wahr: Er hat mich durchgetragen, Er hat mich befähigt! Ich glaube es ist so: Je schwerer die Krise, desto mehr lernen wir. Aber keine Krise ist zu schwer, nie überfordert Er uns. Daran will ich festhalten. Ich gehe aus dieser Situation heraus und kann sagen: Gott ist gut! Er ist treu! Ich verstehe Sein Handeln nicht immer. Also dass es Fehlgeburten gibt, passt wirklich so gar nicht in mein Bild Gottes. Aber das ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass Er souverän ist, dass Er weiß, was Er tut. Er hat den Überblick, Er kennt die Zusammenhänge und ich will Ihn einfach lieben. Er segnet mich in den Momenten, wo ich das von Ihm bekomme, was ich mir wünsche. Und Er segnet mich auch, wenn ich nichts verstehe und völlig überfordert bin. Das spüre ich.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

I21.03.2019
ch habe seit gestern Abend eine Blutung, die nun stärker wird. Gestern konnte ich es noch auf die intensive Untersuchung schieben. Als aber am Vormittag dann Unterleibskrämpfe dazukommen, verliere ich jede Hoffnung. Ich habe nun für mich Gewissheit, dass ich dieses Kind nie in den Armen halten werde. Traurig kommen mir im Laufe des Tages immer wieder Tränen. Ich stehe im inneren Zwiespalt: Soll ich weiter auf ein Wunder hoffen, ohne mich von den Umständen verunsichern zu lassen? Oder soll ich auf meinen Körper hören, der eindeutig mit mir zu sprechen scheint? Soll ich Cola und Binden kaufen oder aus einem Glaubensakt heraus eben gerade nicht?

Als ich abends aufs Klo gehe, habe ich eine sehr starke Blutung, viel stärker als bei der Periode. Ich erschrecke, sofort steigen Tränen in meine Augen und ich stopfe schnell alles mit Klopapier aus. Da der Supermarkt nebenan noch genau zehn Minuten geöffnet hat, laufe ich schnell los, um Binden zu kaufen. Meinen Mann lasse ich mit einer knappen Erklärung unter Tränen stehen. Auf dem Rückweg kommt er mir entgegen, nun hat er Tränen in den Augen und schaut mich so verunsichert an, dass es mir das Herz bricht. Die Krämpfe nehmen zu. Da ich mich so unrein fühle, dusche ich ausgiebig – wie viel würde ich jetzt für ein entspanntes Bad mit Kerzen geben! Ins Bett gefallen falle ich sofort in einen tiefen Schlaf.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

920.03.2019
Da gestern Abend und die Nacht sehr schwer waren, entscheide ich mich, zuhause zu bleiben und nicht zu arbeiten. Der Vormittag tut mir gut: Ich schlafe aus, frühstücke in Ruhe und nehme mir bewusst Zeit für mich. Ich gehe in der warmen Frühlingssonne spazieren und mache viel Lobpreis. Schließlich kommt mein Mann von der Arbeit zurück. Meine Mama schaut kurz vorbei und schenkt uns einen Strauß Blumen. Mein Mann und ich setzen uns noch einmal auf den Boden und beten kniend um ein Wunder. Wir glauben daran, dass Gott Leben will und so wie er aus einer Eizelle und einem Spermium Leben schaffen kann, so kann er auch ein Herz wieder zum Schlagen bringen! Wir nehmen Abendmahl und fühlen uns gestärkt und bereit.

Ja, und dann fahren wir zum gefürchteten, ersehnten Frauenarzttermin. Mein Mann ist das erste Mal dabei, ich habe ihn darum gebeten. Leider müssen wir fast eine Stunde warten, bis wir dran sind. Ich habe eiskalte Hände, gehe in der Zeit zweimal aufs Klo und versuche, über alles andere zu reden, um mich abzulenken. Dann geht mit einem Mal alles ganz schnell. Ich sitze auf dem Stuhl und schnell wird klar, dass die Ärztin wieder keinen Herzschlag finden kann. Sie sucht und sucht, und nachdem ich etwas flackern gesehen habe, meint auch sie, dass sie dachte, etwas zappeln zu sehen. Die Gebärmutter ist noch so ungewöhnlich rund und auch der Beta HCG-Wert ist erstaunlich hoch: 24000. Aber das Herz schlägt eben nicht. Und gewachsen ist das Baby auch keinen Millimeter. Sie ist sich nun recht sicher und legt mir nahe, mich nun innerlich auf die Fehlgeburt vorzubereiten. Dennoch gehe ich irgendwie zuversichtlich aus der Praxis. Ich halte daran fest, dass Gott ein Wunder tun wird!

Abends beim Ausziehen merke ich, dass meine Brüste weniger spannen. Ich fühle mich nicht mehr schwanger. Im Bett bekomme ich erneut einen Heulkrampf. In mir wächst die Gewissheit, dass keine Hoffnung mehr besteht, dass das Herzlein meines Babys nie wieder schlagen wird.