45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

H19.04.2019
eute ist es nun vier Wochen her, dass ich mein Baby verloren habe. Insgesamt fällt mir auf, dass die Zeit extrem intensiv war und ich von dem Auf und Ab völlig ausgepowert bin. Es gab echt harte Momente, in denen ich so verzweifelt war wie nie zuvor und keinen Sinn mehr in meinem Leben gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, Gott mein Leben lang missverstanden zu haben. Gleichzeitig war mir jedoch die ganze Zeit über bewusst, dass Er an meiner Seite ist und mit mir weint.

Überdies gab und gibt es diese Momente des Friedens, und die werden immer häufiger. Gott ist treu und er trägt mich durch diese Zeit. Er ist wahnsinnig geduldig und lässt mir alle Zeit, die ich brauche. Er lässt mir Ermutigungen zukommen auf jede denkbare Art und nimmt mir langsam die Angst davor, in die Zukunft zu blicken.

Mein Baby ist direkt zu Gott gegangen, ohne die Welt je kennenzulernen.
Eine Zeit lang hat mich die Sehnsucht verrückt gemacht, mein Baby einmal kurz drücken zu können. Bei dem Gedanken kommen mir gleich wieder die Tränen. Ich wünsche es mir immer noch, so sehr wie nichts anderes auf der Welt. Aber ich habe gelernt, die Umarmungen meines Mannes als eine Verbindung zu unserem Baby zu verstehen. In uns beiden liegt auch ein Stück unseres Kindes und darin verbirgt sich eine unglaubliche Kraftquelle für mich.

Vielleicht lässt es sich so ganz gut zusammenfassen:
Das Herz meines Babys ist stehen geblieben, und mein Herz ist irgendwo auf der Strecke hängengeblieben, während ich im Alltag weiter funktionieren muss. Doch es wird heilen und irgendwann wird es wieder hinterherkommen.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

M18.04.2019
omentan ist für mich die größte Herausforderung, gegen Gefühle der Einsamkeit zu kämpfen. Immer wieder klopfen sie an: in der Bahn, während des Laufens, am PC auf Arbeit und vor allem, wenn ich schwangere Frauen oder Mütter mit ihren Kindern sehe. Allein gehe ich durch die Welt, ohne Baby im Bauch und gefühlt auch ohne Unterstützung von außen.

Ich habe das Gefühl, für Gruppen noch nicht geeignet zu sein. Ich weiß nicht wohin mit mir selbst und erschrecke über jedes Lachen von mir, weil ich sofort denke, dass ich doch traurig sein müsste. Ganz stark kämpfe ich zudem mit Minderwertigkeitsgedanken und gehe davon aus, dass sowieso niemand mehr mit mir Zeit verbringen möchte, so depressiv wie ich bin. Ich fühle mich wie eine Versagerin, der es auf die Stirn gestempelt steht. Dabei kenne ich die Wahrheiten, die über mir gelten. Ich weiß, dass ich geliebt und wertvoll bin. Im Kopf zumindest. Aber im Herzen?
Wir fahren jetzt für eine Woche nach Albanien zu einem Jugendeinsatz und ich werde ein Thema in der Mädchengruppe über genau diese Aussagen halten: Du bist unendlich geliebt und Gott hat so gute Gedanken über dich! Es fällt mir überraschend leicht, das über andere auszusprechen, ihre positiven Seiten zu finden und sie damit zu ermutigen. Aber es ist so schwer, das für mich selbst anzunehmen, bis es rüttelfest verankert ist und mich durch solche Tiefen trägt. Dahin möchte ich!

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

D15.04.2019
ie Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Tage sind endlich wieder länger. Der Frühling vertreibt dunkle Gedanken und auch ich spüre, wie mein Innerstes gegen die andauernde Trauer aufbegehrt. Ich möchte wieder ausgelassen lachen, die Sorgen wegwischen und unbeschwert sein! Der Schmerz ist noch da, keine Frage. Sobald ich allein bin, breitet sich die tiefe Leere in mir aus und es scheint falsch, glücklich zu sein. Erst gestern habe ich ein Foto von einem Neugeborenen geschickt bekommen – das hat mich schon erstmal aus der Bahn geworfen. Aber ich strecke mich gleichzeitig danach aus, weiterzugehen und mein Gesicht lächelnd in der Sonne zu wärmen.  
Der Nebel von gestern hat die Erde befeuchtet und seine Spuren hinterlassen, aber die Sonne von heute wärmt und trocknet alles wieder. Und letztendlich bringt genau diese Kombination Leben hervor!

Kurzes körperliches Update:
Gestern hatte ich extreme Unterleibschmerzen und war mir sicher, dass ich über Nacht nun meine Periode bekommen werde. Aber dem war nicht so und nun frage ich mich, was das gestern war…

Emotional werde ich ganz, ganz langsam wieder stabiler. An Tagen, wo ich eine Erinnerung daran brauche, dass ich wertvoll und geliebt bin, trage ich meinen Verlobungsring. Diesen habe ich von meinem Ehemann mit dem Zuspruch bekommen, dass ich ein kostbarer Juwel bin. Ich war (und bin) ganz schön auf der Suche nach meinem Selbstwert durch die ganze Sache. Es ist eine echte Herausforderung, das Erlebte nicht auf mich selbst und meinen Körper zu schieben.

Diese emotionale Achterbahn musste mein Ehemann aushalten und ihr standhalten – und dabei betrifft ihn der Verlust des Babys ja selbst! Ich kann schon verstehen, dass Ehepaare sich voneinander entfernen oder sogar nach so einem Erlebnis auseinandergehen. Das passiert bei uns jetzt glücklichweise nicht! Aber man geht so unterschiedlich damit um und man erwartet so verschiedene Dinge vom anderen. Hinzukommend sind wir beide ja noch nicht lange verheiratet; das heißt wir kennen uns noch nicht so gut. So viele Dinge haben wir in dieser Zeit jetzt missverstanden oder nicht nachvollziehen können, was der andere tat oder sagte. Für uns war der beste und vielleicht einzige Weg, Zeit miteinander zu verbringen, um ganz ehrlich zu reden und miteinander zu beten.
Was auch richtig gut tat:  Wir sind einfach mal an der Haustür losgelaufen und waren stundenlang wandern, Kaffee trinken und beim Griechen essen. Qualitytime 🙂

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

H11.04.2019
ier sitze ich nun also immer noch zuhause mit Kerzen, herzergreifender Musik und einem Tee mit dem passenden Namen „Auszeit“. Die drei freien Tage waren so ganz anders als erwartet. 
Ich fühle mich jetzt, da ich morgen wieder arbeiten werde, überhaupt nicht aufgetankt und voller Lebensenergie. Im Gegenteil, ich habe an allen denkbaren Stellen meines Herzens gekratzt und nun habe ich den Salat: offene Wunden, mit denen ich zurück in den Alltag gehe….

Während der Zeit ist mir aufgefallen, was für ein Tabuthema so eine Auszeit ist. Ich neige selbst nicht zu Krankenscheinen und schleppe mich sogar mit einer Angina noch auf Arbeit. Weil das doch irgendwie Stärke beweist. Naja, jetzt habe ich mir das eben mal herausgenommen und musste dabei feststellen, was für ein Eingeständnis der Schwäche dies gleichzeitig war. 

Es geht mit der Frage los, warum ich zuhause bin. Ääääh, ich bin zur Zeit überfordert und muss einige Dinge verarbeiten… ?
Es geht weiter: Wie lange bleibe ich denn jetzt zuhause? Wann geht es mir denn wieder „gut“? Also, ich habe mich für morgen entschieden, aber gut gehts mir noch lange nicht. Das war eher so eine rein rechnerische Lösung: drei Tage klingt weniger schlimm als vier, das wäre ja fast eine Woche!
Ja und was mache ich hier eigentlich? Beschäftige ich mich genug mit der Fehlgeburt oder mache ich zu viel im Haushalt? Sollte ich nicht lieber noch einmal spazieren gehen und etwas mehr Lobpreis machen?
Einer Freundin schreibe ich, dass gerade alles sehr durcheinander ist – und das trifft es wohl ganz gut.

Ich glaube inzwischen, dass der schwierigste Teil einer Fehlgeburt (eigentlich jedes Verlusts) derjenige ist, in dem ich mich gerade befinde: wenn es darum geht, wieder normal am Alltag teilzunehmen. Die Welt dreht sich weiter. Dein Ehemann redet wieder von anderen Dingen. Die Arbeit fordert höchste Konzentration. Freunde und Familie drehen sich nicht mehr nur um dich. Du hast keine Entschuldigung mehr dafür, einen Heulkrampf auf der Toilette zu bekommen. Überhaupt müsste es doch so langsam wieder gehen. So wurde ich bereits besorgt gefragt, ob ich denn jetzt depressiv werde. Dabei ist es noch keine drei Wochen her und ich zerreiße mich tatsächlich immer noch bei dem Gedanken, mein kleines Baby ein einziges Mal an mich drücken zu dürfen, ihm einmal ins Gesicht zu schauen, es einmal lachen zu sehen. Ich zähle weiter, in welcher Woche ich nun wäre. 

Aber ich möchte nach vorn schauen und bin überzeugt davon, dass der Alltag auch bald wieder seinen Reiz für mich bekommen wird. Vielleicht wird es immer schmerzen, aber es werden neue Dinge kommen, über die ich ausgelassen lachen und bei denen ich jauchzen werde vor Freude. Ich halte daran fest, dass ich ein wunder-volles Leben vor mir habe, und dass mir auch dieses Erlebnis zum Besten dienen wird.
Ich bin gespannt, wie das aussehen wird!

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

I09.04.2019
ch denke immer wieder an mein Baby, in den vielen winzigen Momenten im Alltag: Wenn ich voller Schmerz auf meinen flachen Bauch heruntersehe, wenn ich darauf angesprochen werde, wann ich endlich ein Kind bekomme (und das passiert mir täglich durchschnittlich zweimal!), wenn ich Lachs und Thunfisch und weich gekochte Eier esse…

Aber ich möchte nicht in meinen Gedanken versinken, mich nur um mein eigenes Leid drehen. Ich nehme Anteil am Leben anderer, bin in Kontakt mit Freundinnen, die ebenfalls schwere Zeit durchmachen. Ich möchte weiterhin ein Segen sein, eine Ermutigerin. Leider merke ich aber, wie mir die Last langsam über den Kopf wächst.

Während ich versuche, mit meinem schlimmen Erlebnis klarzukommen, der nun Teil meines Lebenslaufes ist, dreht sich die Welt ja immer weiter. Es kommen neue Probleme und Herausforderungen für mich hinzu. Zunächst tangieren sie mich nicht ganz so sehr, weil ich sie verhältnismäßig als nicht so schlimm erachte. Aber es gibt Momente, in denen dann alles auf mich einstürzt, wo es mich überfordert, wo ich aus dem Gleichgewicht gerate. An solchen Tagen kommt dann eins zum anderen: Die Unterlagen für den Hausbau müssen geprüft werden, die Jugendleitung will sich treffen, am Abend haben wir zudem einen Termin und statt uns gegenseitig zu ermutigen, streiten mein Mann und ich uns noch.

Im Moment habe ich tatsächlich das Gefühl, den Alltag nicht so richtig hinzubekommen. Die Termine sind zu dicht gepackt, die Arbeit zu aufwühlend und herausfordernd und die Ehe zu spannungsgeladen. Ich persönlich habe im Laufe der letzten Wochen mein gesamtes Selbstwertgefühl eingebüßt und versuche nun, jeden Tag einzeln zu nehmen und durchzuhalten.

Aus diesem Grund bin ich heute Morgen liegen geblieben. Ich habe mich einfach auf die andere Seite gedreht und weitergeschlafen. Ich habe viele Dinge durcheinander geträumt, Belangloses und Verrücktes. Als ich dann wieder aufgewacht bin, habe ich meiner Chefin Bescheid gegeben, dass ich heute nicht auf Arbeit komme. Ich möchte einen Cut machen. Ich möchte nochmal anhalten und die Dinge ordnen. So kann ich nicht weitermachen. Also koche ich mir einen Kaffee, setze mich an unsere große Fensterfront und schaue nachdenklich nach draußen in die vernebelte Landschaft. Mir wird klar, dass ich Gott in den letzten Tagen nicht mehr gespürt habe. Aber das ist auch nicht verwunderlich, weil Er keinerlei Raum bekommen hat. Ich bin von einem Termin zum nächsten gehetzt und wenn Er zu mir sprechen wollte, habe ich alles verdrängt, um nicht in einem unpassenden Moment in Tränen auszubrechen.

Heute will ich mir Zeit nehmen – für Gott und für mich.