…immer noch nicht???

Heute fragte mich eine Frau, die ich recht lange nicht gesehen habe, ob ich denn immer noch nicht schwanger sei. Ich kenne diese Frage von ihr. Es ist immer das Erste, was sie zu mir sagt, wenn sie mich sieht. Sie kommt aus Syrien – einer Kultur, in der einer Hochzeit immer unmittelbar ein Baby folgt.

Zum einen verstehe ich die Frage nicht. Also mal ganz abgesehen von meiner Situation jetzt – Meint sie, wenn sie fragt, sie könnte vielleicht die Erste sein, der ich es erzählen würde? Die Frage nimmt jeglichen Überraschungsmoment und platzt direkt mit der Tür ins Haus. Will man sowas denn wirklich auf diese Art und Weise erfahren?
Zum anderen wundere ich mich, dass die Kultur (wenn es da allgemein so Gang und Gebe ist) da so gar kein Feingefühl zu haben scheint, auch nicht die Frauen unter sich. Würde sie das Gleiche zum Beispiel eine Frau fragen wollen, die seit Jahren versucht, schwanger zu werden? Das gibt es ja nun auch überall!

Nun ist es so, dass ich diese Frau sehr mag. Aber als sie mich das heute mit ihrem Blick auf meinen Bauch gerichtet fragte, löste das neben einer peinlichen Berührung gleichzeitig auch richtigen Ärger in mir aus. Bin ich für sie nichts weiter als eine Frau, die gebären muss? Ist das alles, was ihr einfällt, wenn sie mich sieht?

Eher aus einem Affekt heraus erzählte ich ihr daraufhin unverblümt die Wahrheit. Dass dies eine schwere Frage für mich sei, weil ich ein Baby verloren habe. Sie war kurz ruhig und schaute mich nur verwirrt an. Dann wurde ihr Gesicht mit einem Mal viel sanfter. Wann, wollte sie wissen. Ihre nächste Frage irritierte mich: „Allein?“ Auf meine Nachfrage hin fragte sie konkreter: „Warst du allein oder hast du ein Medikament genommen?“ [Hier fragte sie nach einer Kleinen Geburt oder Ausschabung.] Sofort wusste ich, was sie mir daraufhin erzählte: „Ich habe auch ein Baby verloren. Aber schon viel eher, in der sechsten Woche. Aber ich bin gleich danach wieder schwanger geworden. Mein Mann möchte viele Kinder…“ Sie hat nun fünf Kinder und er drängelt nach einem sechsten. Sie war völlig überfordert mit meiner Aussage, dass ich nicht gleich im nächsten Monat wieder schwanger werden wollte.

Es war das erste Mal, dass ich mit einer „ebenfalls Betroffenen“ darüber sprach und nicht das Gefühl hatte, verstanden worden zu sein. Diese Frau durfte scheinbar ihre Trauer nie zulassen. Sie musste das Erlebte einfach wegstecken und weitermachen. Und gleichzeitig war da trotzdem dieser Blick in ihren Augen, der uns verband.

Kurz danach fühlte ich mich schlecht. Zum ersten Mal hatte ich das Erlebte als Rechtfertigung genutzt und nicht aus einer offenen Atmosphäre heraus erzählt. Aber irgendwie glaube ich, dass wir beide etwas aus dem Gespräch mitgenommen haben und unsere Herzen ein Stückchen weiter zusammengerutscht sind.

einmal ein Delfin sein…

Im Urlaub mieteten wir uns ein kleines Motorboot,
mit welchem wir dann drei Tage lang vor der kroatischen Küste  herumschipperten. Ich liebte es, ganz vorn auf dem Bug zu sitzen und die Füße herunterbaumeln zu lassen. Immer wieder tauchten meine Füße in das türkisfarbene Wasser oder ich wurde komplett nassgespritzt.
Während wir so über die Wellen düsten, fühlte ich mich wie ein Delfin – das Lieblingstier meiner Kindheit. Überhaupt fühlte ich mich in meine Kindheit zurückversetzt. Ich war einfach glücklich und musste so manches Mal laut losprusten, weil ich mich so freute und enorm viel Spaß hatte.
So saß ich glücklich da vorne auf dem Bug, sang, lachte und strahlte über das ganze Gesicht, weil ich mich wie ein Delfin fühlte…

Vielleicht klingt das komisch und kindisch. Aber mich hat dieser Moment in letzter Zeit immer wieder zum Nachdenken gebracht. Es ist selten geworden, dass ich mich so frei fühle, so unendlich glücklich und unbesorgt. Das Erwachsenwerden hat mich viele Dinge lernen und Verantwortung übernehmen lassen. Ich bin viel gesetzter und vernünftiger geworden. Das ist wichtig, allerdings ging das teilweise auf Kosten der kindlichen Unbeschwertheit und Fröhlichkeit.
Als Kind war ich eine unverbesserliche Tagträumerin. Ich erfand die tollsten Szenarien, in welchen ich mich befand. Ich vergaß alles um mich herum, sogar alle Probleme. Wann geht es mir denn heute mal so, dass ich so überglücklich bin, dass ich nur noch lachen und strahlen kann? Vielmehr bin ich gefangen vom Alltag, gestresst und Opfer meiner Umstände geworden.

Ich wünsche mir so sehr diese Unbefangenheit zurück. Ich möchte wieder solche Momente erleben, in denen gefühlt alles schön ist und ich einfach nur über den Moment staune.