Gestern traf ich bei meinem Spaziergang eine alte Klassenkameradin aus der Grundschule, ich nenne sie hier Jessica (wobei kein anderer Name besser zu ihr passt als ihr echter). Bereits in der ersten Klasse war sie ein großgewachsenes Mädchen mit langen blonden Haaren, weswegen sie mich immer an Barbie erinnert hat. Ich dagegen war sehr klein – um es genau zu nehmen war ich die kleinste und Jessica zusammen mit einer anderen die größte. Im Sportunterricht war das immer am eindeutigsten, denn da standen wir jeweils am Anfang und am Ende der Reihe.

Mädchen in dem Alter können sehr gemein sein, und so wurde mir genau dieser Größenunterschied zum Verhängnis. Ständig zogen die beiden mich auf und hackten auf meiner Größe herum. Ich war daher ab dem ersten Schultag ein sehr schüchternes und zurückhaltendes Mädchen und wusste in meiner Unschuld gar nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich erinnere mich, wie ich meine Mutter fragte, was ich denn auf böse Sprüche erwidern solle. So manches Mal rannte ich weinend nach Hause und ließ mich dort wieder trösten und ermutigen.

Aus diesem Grund hasste ich vor allem den Sportunterricht: diese blöde Begrüßung in der Reihenaufstellung, und der Weitsprung erst… Dafür liebte ich die Deutschstunden umso mehr! Meine Lehrerin mochte meine Geschichten, die ich leidenschaftlich gern schrieb, und ließ sie mich oft laut vorlesen. In diesen Momenten hatte ich das Gefühl, ganz groß zu sein und die Anerkennung zu bekommen, nach der ich mich so oft sehnte.

Diese negative Erfahrung mit den beiden Mädchen schüchterte mich ein und öffnete die Tür für andere, die ebenfalls auf mir herumhackten, bis in die siebte Klasse hinein. Erst danach sollte ich lernen, aufzustehen und gehörte so nach einem Schulwechsel plötzlich zu den Beliebten der Klasse. Bis heute bin ich aber schnell verunsichert in meiner Persönlichkeit und nehme mir sehr zu Herzen, was andere über mich sagen.
Meine Grundschulklasse war derb und gemein, ich würde niemals zu einem Klassentreffen gehen. Sie ist sicherlich nicht schuld an meinen Schwächen – aber ohne diesen Schulbeginn wäre ich vielleicht selbstbewusster ins Leben gestartet.

Und dann steht da Jessica im Wald vor mir.

Wir sind etwa gleichgroß, das fällt mir als allererstes auf. Sie erkennt mich erst nicht, während ich ihre langen blonden Haare sofort zuordnen kann. Aber wir haben uns immerhin seit 18 Jahren nicht mehr gesehen. Vor mir schiebe ich mein kleines Baby im Kinderwagen und sie ist sichtlich überrascht darüber. Ihre Mutter steht neben ihr und staunt ebenso. Während Jessica wenig sagt, plaudert ihre Mutter locker drauf los – so, als wären wir früher Freundinnen gewesen. Ich dagegen horche in mich hinein und spüre zu meiner Überraschung absoluten Frieden. Da ist kein Vorwurf, ja nicht einmal Unbehagen. Ich bin versöhnt und glücklich damit, wie mein Leben gelaufen ist, wie ich mich entwickelt habe und wo ich jetzt stehe. Ich bin weder nachtragend noch verbittert, sondern habe den Grundschulstart als Anlass genommen, eine Kämpferin zu werden.

Ein Satz schießt mir noch in meine Gedanken: Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Ich wünsche Jessica das Allerbeste und viel weiß ich nicht über sie, auch jetzt nicht. Aber fest steht, dass ich nicht mehr ganz am Ende der Reihe stehe und nicht länger übersehen werde. Ihr Mobbing hat ihr vielleicht im entsprechenden Zeitpunkt Freunde und Genugtuung verschafft, aber auf lange Sicht muss jeder für sich seinen Weg gehen.

Dennoch bin ich den ganzen Tag über sehr traurig darüber, wie verletzend sie als kleines Mädchen war, und ich hoffe so sehr, dass sie ein angenehmerer Mensch geworden ist.
Jeder möchte doch gute Spuren im Leben der anderen hinterlassen, oder nicht?

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