Zweimal pro Woche kommt ein kleiner 4-jähriger Junge aus Spanien zu mir nach Hause. Für eine dreiviertel Stunde übe ich mit ihm Deutsch, damit er altersgemäß eingeschult werden kann.

In seiner ersten Stunde spielten wir eine Version von Make´n Break. Dabei baute er nach einer Anleitung einen Turm aus Steinchen. Um einen Stein nehmen zu können, musste er allerdings zuerst die richtige Farbe auf Deutsch nennen. Am Ende war er richtig gut und konnte relativ fließend die Farben benennen. Nur “Weiß” wollte partout nicht hängenbleiben. Wir brabbelten es ununterbrochen vor uns her, ich fragte ihn wieder und wieder danach, aber es wollte einfach nicht klappen. Irgendwann scannte er bereits die Kärtchen ab, ob das gefürchtete Weiß wieder dabei war. Und natürlich war gerade diese Farbe in fast jedem Turm enthalten!
Er ging mit allen Farben im Kopf, außer eben Weiß.

Wie gut konnte ich mich in ihn hineinversetzen. Wie viele weiße Dinge kenne ich in meinem Leben! Da sind Personen, die ich sehe, und sofort wird ein Gefühl der Vorsicht geweckt, der Herausforderung. Mein persönliches Weiß sind auch Situationen, von denen ich weiß, dass ich schlecht mit ihnen umgehen kann: große Menschenmassen zum Beispiel, oder Diskussionen mit Spannungen im Raum. Da fühle ich mich sofort unwohl. Auch Spinnen gehören dazu – jeder Keller sendet mir sofort Alarmsignale und ich scanne den Boden und die Wände fast schon panisch ab.

An sich ist ja aber eigentlich klar, dass Weiß nichts Schlechtes ist. Es liegt ja auch nicht am Weiß selbst. Das Wort selbst ist so viel einfacher als “Dunkelblau”. Das ist seine Lieblingsfarbe und die wusste der Junge vom ersten Moment an.
Nur irgendwie hat sich die Abneigung gegen Weiß im Laufe der Zeit so entwickelt. Spinnen sind prinzipiell jetzt keine schlechten Tiere – ganz im Gegenteil: Ich weiß, wie nützlich sie sind! Und dennoch…

Wir alle haben Barrieren aufgebaut, Schwierigkeiten festgestellt und Situationen entdeckt, die uns enorm herausfordern. Der natürliche Instinkt lässt uns meistens davor wegrennen. Wir meiden das Weiß. Ich bevorzuge gemütliche kleine Runden, in denen ich mich wohlfühle. Die Personen, die mich herausfordern, sind nicht unbedingt die ersten auf meiner Gästeliste. Na und den Keller meide ich sowieso! So schnell wie ich hängt sicherlich niemand hier im Haus seine Wäsche auf!

Aber ab und zu wage ich doch einen Schritt in Richtigung Weiß. Dann höre ich mir das Wort genau an, achte auf seine Aussprache, verknüpfe es mit seiner Bedeutung und wiederhole es ein paar Mal. Ich entscheide mich immer wieder auch für größere Runden – das braucht allein auch schon mein Mann, der gar nicht genug Menschen auf einem Haufen haben kann! Ich lade dann ganz bewusst diese Personen zum Geburtstag ein. Und aus dem Keller kann ich nicht immer schreiend davonrennen! Da muss ich bleiben und die Spinne im Auge behalten, bis jedes einzelne Kleidungsstück ordentlich aufgehangen ist – mit Wäscheklammer, sonst gibt´s Ärger von den Vermietern!

In der Psychologie geht man von drei verschiedenen Reaktionen auf überfordernde Ereignisse aus: Flight, Freeze und Fight.

Manchmal rennen wir davon (Ich bin schon so manches Mal wegen einer Spinne in meinem Traum wortwörtlich ans andere Ende des Zimmers gerannt, mit wild klopfendem Herzen).
Manchmal frieren wir ein und lassen die Situation irgendwie über uns ergehen (Da fallen mir so einige Beispiele aus meiner Schulzeit ein…).
Aber manchmal müssen wir kämpfen. Die Spinne muss vielleicht nicht gleich sterben, aber ich möchte dahin gelangen, dass sie im gleichen Raum wie ich sein darf. Ich möchte jedem Menschen mit positiven Gedanken begegnen, auch wenn es nicht mein bester Freund ist. Ich möchte nicht vor Fremdschämen unterm Tisch versinken, wenn es eine spannungsgeladene Diskussion gibt, sondern die Verantwortung für die Atmopshäre einfach den Beteiligten selbst überlassen. Dann kann ich auch ganz unbeschwert meine eigenen Gespräche genießen. Und ich möchte mich in größeren Gruppen nicht hilflos fühlen, sondern genauso ich selbst sein, wie in kleineren Runden.

Wir tragen die Verantwortung selbst dafür, wie wir mit unserem Weiß umgehen. Die Farbe kann nämlich nichts dafür. Sie ahnt nicht einmal etwas von unseren Problemen.
Am Ende kommen wir eh nicht darum herum: Wir müssen üben, üben, üben, bis wir alle Farben wie aus der Pistole geschossen benennen können.
Auch das Weiß.

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