Neues Leben

Es ist soweit – in mir wächst ein neues Leben heran.
Leicht waren die ersten drei Monate nicht. In den ersten Wochen habe ich es komplett geleugnet und nicht an mich herangelassen. Später rang dann immer wieder aufkeimende Angst mit dem ersehnten Vertrauen. Die Angst vor einem weiteren Verlust gegen das Vertrauen, dass dieses Mal alles gut wird, dass die Statistik auf meiner Seite ist. Und dass ich in Gottes Händen bin.

Jetzt, im fünften Monat, spüre ich das Kind in mir, wie es wächst, wie es um meine Aufmerksamkeit ringt, wie es seine Körperfunktionen austestet. Es ist atemberaubend niedlich! Ich kann mich nun fallenlassen in die Vorfreude, meine Gedanken schweifen lassen, Namen überlegen und über meine Rolle als werdende Mama sinnieren. Da kommt eine wirklich aufregende und alles verändernde Zeit auf mich zu!

Die Angst geht nicht weg. Immer wieder muss ich aktiv gegen Gedanken vorgehen, dass ich es ja immer noch verlieren könnte, dass jeden Moment wieder Blutungen einsetzen könnten, dass es diesmal alles noch viel schlimmer wäre. Aber das schiebe ich fast schon allergisch zur Seite. Es bringt ja doch nichts: Ich muss endlich lernen, Gott komplett zu vertrauen. Ich habe nichts davon in der Hand, und das ist auch besser so. Dieses unfassbare Wunder in mir drin weist mich immer wieder darauf hin, wie groß Gott eigentlich ist, wozu Er fähig ist! Und das lässt mich dann ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Eigentlich ist es ganz eindeutig: Gott zu vertrauen ist der Schlüssel zu einem sorglosen und dankbaren Leben.

Wo fängt ein Wunder an?

Ich bin auf der Suche nach übernatürlichen Erlebnissen in meinem Leben. Mein Wunsch ist es, Dinge zu erleben, die ich nicht anders als mit Gottes Eingreifen erklären kann. Ich weiß, dass sie real sind, dass wir mit Wundern rechnen dürfen und bin enttäuscht, wenn es dann doch etwas anders kommt, weitaus unspektakulärer ausgeht.

Und dennoch – fangen Wunder nicht schon viel eher an?

Vor drei Wochen bekam mein Vater ganz unvermittelt die Diagnose Hirntumor. Für mich brach kurzzeitig eine Welt zusammen und sämtliche Schreckensvorstellungen kamen mir in den Sinn. Kurz darauf wurde er operiert und der Tumor konnte fast vollständig entfernt werden. Und jetzt ist alles vorbei – Die OP verlief gut, der Tumor war gutartig und alle sind zufrieden. Ich bleibe etwas verwirrt zurück, weil alles so schnell ging. Emotional gesehen war das für meine Familie ein nahezu unerträgliches Auf und Ab – und jetzt ist plötzlich alles wieder gut. Die Horrordiagnose ist zu einer ab und zu zu überprüfenden, aber sonst voraussichtlich unauffälligen Sache geworden. Krebs, ja, aber irgendwie nicht mehr schlimm.

Während dieser Zeit beteten wir in der Notaufnahme – später auf dem MRT war das Ding trotzdem noch da. Wir schickten in der Gemeinde eine Gebetsmail herum – operiert werden musste trotzdem.

Aber obwohl es nicht so ein radikales Wunder ist, wo allen der Atem wegbleibt, frage ich mich, ob das nicht dennoch ein Wunder ohnegleichen ist? Ein Tumor, der wegen seiner Größe den Hirnwasserfluss hindert und an das Stammhirn drückt – somit also tatsächlich lebensbedrohlich ist, konnte entfernt werden und nun ist alles gut. Fast so, als wäre nichts gewesen.

Ich glaube, ein typisches Merkmal von Wundern ist, dass man etwas ratlos zurückbleibt und den Ereignissen gefühlsmäßig nicht hinterher kommt. Und das ist in unserem Fall definitiv der Fall.

Ich will also in diesem Fall von einem Wunder ausgehen und Gott dafür die Ehre geben.
Und gleichzeitig strecke ich mich weiterhin sehnsüchtig aus nach den großen Wundern. Da geht noch mehr!