45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

E24.03.2019
s dauert lange, bis ich mich das erste Mal wieder bewusst im Spiegel betrachten kann. So sieht also eine Frau aus, die ihr Baby verloren hat. So viel Traurigkeit liegt in ihren Augen. Ob diese jemals wieder der Freude weichen kann? Ob der Schmerz nachlassen wird? Ich möchte doch strahlen!

Ähnlich geht es mir mit meinem Körper. Das ganze Blut, das ich verliere, lässt mich vor mir selbst ekeln. Bald schon schmeiße ich das blutverschmierte Klopapier wütend in die Toilette. Wird es nie ein Ende nehmen? Habe ich nicht genug ertragen? Muss ich jetzt wirklich noch länger auch körperlich leiden? Außerdem sind da die Schuldgefühle, die mich meinen Körper in einem neuen Licht betrachten lassen. Was stimmt mit mir nicht? Warum ist das Baby in meinem Körper gestorben? Warum funktioniert er nicht ordentlich?

Doch unterbewusst spüre ich, wie sehr mein Körper kämpft. Noch habe ich starke Bauchkrämpfe und mein Kreislauf ist sehr instabil. Sobald ich länger nichts gegessen habe, weicht meine Energie, ich werde noch schwächer und mein Kreislauf  zwingt mich zur absoluten Ruhe. Ich beginne fast widerwillig zu realisieren, wie stark mein Körper ist. Er kämpft, und er gibt nicht auf. Gegen meinen Willen holt er sich jede Mahlzeit ohne Kompromisse. Er zieht mich mit und beeindruckt mich damit irgendwie. Und das, obwohl ich ihn gerade echt nicht leiden kann!

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

D23.03.2019
ie Nacht war schrecklich. Während tagsüber mein Körper unter Höchstleistung gearbeitet hat und kein Platz für Gefühle war, beginnt abends im Bett mein Herz langsam zu realisieren, was heute eigentlich passiert ist. Zunächst liege ich geschockt da, starre ins Leere und kann mich mit dem Erlebten nicht identifizieren. Es kommt mir unwirklich und zu schrecklich vor. Dann wallt ein unerträgliches Gefühl auf. Es zerreißt mir das Herz, ich will schreien und wegrennen, mich in Luft auflösen und mein Leben mit dem meines Babys tauschen. Fast erlösend ist es, als dann die Tränen strömen. Unendliche Traurigkeit umhüllt mich und lässt mich noch lange diesen Tag beweinen.

Heute beerdigen wir das Baby. Es ist ein nicht in Worte zu fassendes Gefühl, an einem so winzigen Grab zu stehen und ein Kind zu begraben, das man nicht kennengelernt hat. Wie hätte es ausgesehen, was hat es von mir vererbt bekommen? Es hatte ja bereits eine Augenfarbe!
Dennoch stehen mein Mann und ich nicht verzweifelt hier.
In dem Brief, den ich meinem Baby geschrieben habe, nenne ich es meinen kleinen Held. Es hat nur kurz gelebt – Aber in seinen 45 Tagen Leben hat es eine so bewegende Geschichte geschrieben! Es hat so viele Menschen ganz nahe zu Gott gezogen, darauf hingewiesen, worum es wirklich geht und es war unendlich geliebt, von so vielen Menschen. Und damit ist es mir zum Vorbild geworden.

Nun ist es nicht mehr hier, es geht ihm richtig gut bei unserem Vater. Von Ihm bekommt es einen Namen und dort wird es auf uns warten. Im Himmel werden wir unser Kind kennenlernen – Was für eine Aussicht! Gott ist treu.
In den nächsten Stunden und Tagen überkommen mich dennoch immer wieder Wellen der Verzweiflung. Mein Herz scheint jedes Mal mehr zu zerreißen. Mein Baby…
Inzwischen mache ich es mir aber zur Gewohnheit, mir selbst sofort Wahrheiten zuzusprechen und mich daran zu erinnern, wer ich in Gottes Augen bin, wenn die negativen Gedanken der Schuld wieder in mir hochkommen wollen.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

M22.03.2019
ein Wecker klingelt: Zeit, auf Arbeit zu gehen! Als ich ins Bad die Treppe hinunter gehe, ist mir schnell klar, dass ich in diesem Zustand und mit dem Kreislauf keinesfalls allein Zug fahren und arbeiten gehen kann. Zurück im Bett schreibe ich meiner Arbeitskollegin und sage ab. Mein Bauch krampft so sehr, dass ich mich wundere, wie ich schlafen konnte. Ich drehe mich hin und her, sicher, dass ich nicht noch einmal einschlafen werde. Es gelingt mir dann aber doch.

Zwei Stunden später wache ich erneut auf. Das Aufstehen fällt mir schwer, ich muss mich stützen. Auf dem Klo erschrecke ich dann: Das Blut läuft in Strömen aus mir heraus, darunter auch ein großer Klumpen. Es will gar nicht aufhören und ich sacke innerlich zusammen. Das ist es jetzt wohl: Die Kleine Geburt geht los. Ich gehe in die Küche, um mir einen Pfefferminztee zu machen. Vielleicht hilft er meinem Bauch, alles herauszupressen. Gerade, als der Wasserkocher angeschaltet ist, spüre ich, wie mein Kreislauf zusammenklappt. Es wird dunkel um mich herum, mir wird übel und ich habe gerade noch Zeit, mich auf den Boden zu legen. Dort liege ich wohl eine Weile, bis ich langsam wieder richtig zu Bewusstsein komme. Mehr und mehr spüre ich die Schweißperlen auf meiner Haut und die kühle Luft, die zum Fenster hereinkommt. Sie tut unendlich gut! Ich denke daran, dass mir Cola für diesen Moment empfohlen wurde. Aber die ist am anderen Ende des Zimmers und ich mag Cola ja eigentlich eh nicht. Ich bleibe noch ein wenig liegen und genieße den kühlen Luftzug. Dann stehe ich langsam auf und stütze mich an die Wand. Ich rufe meinen Mann einige Male sehr schwach. Als er kommt, nimmt er mich in den Arm und spürt, dass ich schwitze. Er begleitet mich zum Sofa und holt ein Nudelsieb: Damit wollen wir versuchen, das Baby aufzufangen. Ich gehe gleich noch einmal aufs Klo und wieder strömt es in erschreckenden Mengen aus mir heraus. In diesem Moment wird das Baby geboren, was wir aber erst später entdecken werden.

Nach einer ausgiebigen Erholungsphase auf dem Sofa geht es mir dann wieder wesentlich besser. Der Kreislauf stabilisiert sich, die Blutungen werden seltener und weniger stark. Nach einer Stunde etwa ist das Schlimmste überstanden. Wir frühstücken und ich habe mit einem Mal richtig Hunger. Anschließend finden wir das Baby und sind so dankbar, dass es recht eindeutig zu erkennen ist: Der Kopf, die Arme, und sind da vielleicht sogar die Augen? Es ist ein bewegender Moment und ich spüre tiefen Frieden in mir. Das kleine Wesen hat zwei Wochen lang ein klopfendes Herz gehabt. Es liegt hier vor seinen Eltern, die es unbeschreiblich lieben. So gern wir es kennengelernt hätten, so tröstlich ist es doch zu wissen, dass das hier nur die Hülle ist, dass das Baby selbst inzwischen in Gottes Armen liegt. Mein Mann baut einen kleinen Sarg aus einer Holztruhe, in die wir das Baby legen. Morgen wollen wir es beerdigen.

Leider muss mein Mann heute noch in die Schule und unterrichten. Der Abschied ist überstürzt und schmerzlich. Im Nachhinein erzählt er mir von seiner Autofahrt, auf der er viel gebetet und geweint hat.

Damit ich in dieser Zeit nicht allein bin, habe ich meine Schwester eingeladen. Sie kommt mit ihren beiden Söhnen und wir haben eine gute Zeit mit tiefgründigen und offenen Gesprächen, aber auch mit Ablenkung und Spaß. Es versetzt mir einen Stich ins Herz zu sehen, wie traurig sie ist. Ich wünsche mir so sehr, Freude zu verbreiten, ein Segen zu sein. Stattdessen bringe ich zur Zeit alle nur zum Weinen, sie wissen nicht, was sie sagen sollen und statt eine Zeugin eines Wunders zu sein, muss ich gestehen, dass das erwartete Wunder nicht eingetreten ist.
Während sie da ist, bekomme ich die Nachgeburt. Es ist geschafft! Da sie mit den Kids zurück nach Hause muss, wird sie von meiner Mutter abgelöst. Mit ihr habe ich auch eine sehr intensive Zeit. Sie vermittelt mir das Gefühl, stolz auf mich zu sein. Gott traut mir viel zu und es ist wahr: Er hat mich durchgetragen, Er hat mich befähigt! Ich glaube es ist so: Je schwerer die Krise, desto mehr lernen wir. Aber keine Krise ist zu schwer, nie überfordert Er uns. Daran will ich festhalten. Ich gehe aus dieser Situation heraus und kann sagen: Gott ist gut! Er ist treu! Ich verstehe Sein Handeln nicht immer. Also dass es Fehlgeburten gibt, passt wirklich so gar nicht in mein Bild Gottes. Aber das ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass Er souverän ist, dass Er weiß, was Er tut. Er hat den Überblick, Er kennt die Zusammenhänge und ich will Ihn einfach lieben. Er segnet mich in den Momenten, wo ich das von Ihm bekomme, was ich mir wünsche. Und Er segnet mich auch, wenn ich nichts verstehe und völlig überfordert bin. Das spüre ich.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

I21.03.2019
ch habe seit gestern Abend eine Blutung, die nun stärker wird. Gestern konnte ich es noch auf die intensive Untersuchung schieben. Als aber am Vormittag dann Unterleibskrämpfe dazukommen, verliere ich jede Hoffnung. Ich habe nun für mich Gewissheit, dass ich dieses Kind nie in den Armen halten werde. Traurig kommen mir im Laufe des Tages immer wieder Tränen. Ich stehe im inneren Zwiespalt: Soll ich weiter auf ein Wunder hoffen, ohne mich von den Umständen verunsichern zu lassen? Oder soll ich auf meinen Körper hören, der eindeutig mit mir zu sprechen scheint? Soll ich Cola und Binden kaufen oder aus einem Glaubensakt heraus eben gerade nicht?

Als ich abends aufs Klo gehe, habe ich eine sehr starke Blutung, viel stärker als bei der Periode. Ich erschrecke, sofort steigen Tränen in meine Augen und ich stopfe schnell alles mit Klopapier aus. Da der Supermarkt nebenan noch genau zehn Minuten geöffnet hat, laufe ich schnell los, um Binden zu kaufen. Meinen Mann lasse ich mit einer knappen Erklärung unter Tränen stehen. Auf dem Rückweg kommt er mir entgegen, nun hat er Tränen in den Augen und schaut mich so verunsichert an, dass es mir das Herz bricht. Die Krämpfe nehmen zu. Da ich mich so unrein fühle, dusche ich ausgiebig – wie viel würde ich jetzt für ein entspanntes Bad mit Kerzen geben! Ins Bett gefallen falle ich sofort in einen tiefen Schlaf.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

920.03.2019
Da gestern Abend und die Nacht sehr schwer waren, entscheide ich mich, zuhause zu bleiben und nicht zu arbeiten. Der Vormittag tut mir gut: Ich schlafe aus, frühstücke in Ruhe und nehme mir bewusst Zeit für mich. Ich gehe in der warmen Frühlingssonne spazieren und mache viel Lobpreis. Schließlich kommt mein Mann von der Arbeit zurück. Meine Mama schaut kurz vorbei und schenkt uns einen Strauß Blumen. Mein Mann und ich setzen uns noch einmal auf den Boden und beten kniend um ein Wunder. Wir glauben daran, dass Gott Leben will und so wie er aus einer Eizelle und einem Spermium Leben schaffen kann, so kann er auch ein Herz wieder zum Schlagen bringen! Wir nehmen Abendmahl und fühlen uns gestärkt und bereit.

Ja, und dann fahren wir zum gefürchteten, ersehnten Frauenarzttermin. Mein Mann ist das erste Mal dabei, ich habe ihn darum gebeten. Leider müssen wir fast eine Stunde warten, bis wir dran sind. Ich habe eiskalte Hände, gehe in der Zeit zweimal aufs Klo und versuche, über alles andere zu reden, um mich abzulenken. Dann geht mit einem Mal alles ganz schnell. Ich sitze auf dem Stuhl und schnell wird klar, dass die Ärztin wieder keinen Herzschlag finden kann. Sie sucht und sucht, und nachdem ich etwas flackern gesehen habe, meint auch sie, dass sie dachte, etwas zappeln zu sehen. Die Gebärmutter ist noch so ungewöhnlich rund und auch der Beta HCG-Wert ist erstaunlich hoch: 24000. Aber das Herz schlägt eben nicht. Und gewachsen ist das Baby auch keinen Millimeter. Sie ist sich nun recht sicher und legt mir nahe, mich nun innerlich auf die Fehlgeburt vorzubereiten. Dennoch gehe ich irgendwie zuversichtlich aus der Praxis. Ich halte daran fest, dass Gott ein Wunder tun wird!

Abends beim Ausziehen merke ich, dass meine Brüste weniger spannen. Ich fühle mich nicht mehr schwanger. Im Bett bekomme ich erneut einen Heulkrampf. In mir wächst die Gewissheit, dass keine Hoffnung mehr besteht, dass das Herzlein meines Babys nie wieder schlagen wird.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

819.03.2019
Ich treffe mich mit einer Hebamme. Das Gespräch wühlt mich allerdings mehr auf als dass es mir hilft… Ich brenne darauf, morgen ein Wunder zu erleben! Sie allerdings bereitet mich darauf vor, das Kind zu verlieren. Sie gibt mir medizinische Hintergrundinformationen und persönliche Ratschläge. Ich bin sowieso die ganze Zeit in dem Zwiespalt zwischen dem unerschütterlichen Glauben an ein Wunder, das Gott tun kann und will, weil es Seinem Wesen entspricht, und der Vorbereitung und Beschäftigung mit dem, was auf mich zukommen könnte. Ich möchte jede Hintertür schließen, die Zweifel an dem Wunder zulässt. Ich möchte radikal glauben. Aber ich möchte auch vorbereitet sein, wenn mein Körper plötzlich Alarm schlägt und das Baby abstößt. Ich möchte wissen, was dann geschieht. Und ich möchte mit meinem Herzen hinterher kommen. Ich möchte Trauer zulassen und die Realität nicht leugnen. Irgendwo dazwischen stehe ich gerade, balancierend.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

716.03.2019
Noch immer fühle ich mich sehr getragen. Die Nacht dagegen war nicht sehr erholsam. Ich bin erst sehr spät eingeschlafen und habe viel geträumt. Die Träume waren ermutigend.

In dem einen Traum war ich in einem Kampf mit einem anderen Mann. Es ging so lang und der Ausgang schien ungewiss. Während des Traumes bin ich kurz in einem Dämmerzustand und merke, dass ich vor Anspannung schwitze. Ich will aufhören, diesen Traum zu erleben. Also schaue ich, noch im Traum, bei Wikipedia nach, wie unser Kampf ausgehen wird und lese, dass ich nach fünf Stunden siegen werde. Zurück im ursprünglichen Traum gab mir diese Gewissheit neue Kraft und ich schaffte es, den Feind endgültig zu erschießen.
Schnell wird mir klar, dass diese fünf Stunden für die fünf Tage stehen müssen, die wir nun warten müssen, und dass am Ende ein Sieg stehen wird!

Wir frühstücken gemeinsam, dann gehe ich zu einem Treffen mit meinen Schwestern und meiner Mama. Es tut gut, andere Dinge zu sehen und nicht darüber zu reden. Lediglich in Momenten, wo ich zum Beispiel mit einem meiner Neffen allein bin, oder den anderen auf dem Arm habe, fließen meine Tränen unkontrollierbar. Nach dem Mittagessen weihe ich meine Familie dann allerdings ein. Sie sind erschüttert, weinen alle mit und eine lange Zeit ist die Atmosphäre erdrückend schwer. Ich hatte mich so sehr auf glückliche Gesichter gefreut! Nächste Woche wollten wir die schöne Nachricht bekannt geben.
Gemeinsam basteln wir ein Mobile für das Baby und tauschen viele Gedanken aus.

Die nächsten Tage gehen weiter mit allen alltäglichen Dingen und Pflichten. Immer wieder finden mein Mann und ich Zeiten für innige Zweisamkeit, in der wir uns gegenseitig ermutigen, trösten und beten. Ich erlebe ein kräfteraubendes Auf und Ab. Zuversichtlichen Momenten folgen verzweifelte Momente, wo alles zusammenzubrechen scheint. Ich habe mit erdrückenden Schuldgefühlen zu kämpfen. Mein Mann spricht mir immer wieder Wahrheiten zu, dass ich wertvoll und stark bin, tapfer und geliebt. Er tut mir so gut!

Im Gottesdienst erlebe ich den Lobpreis sehr intensiv. Besonders ein Eindruck geht mir sehr nahe und wird auch in den nächsten Tagen meinem Mann und mir viel Halt geben.

Ich stehe im Thronsaal vor Gott. Ich lege ihm das Baby zu Füßen und vertraue es Ihm an. Nun möchte ich gern wissen, ob er es bei sich behalten oder mir zurückgeben wird. Statt einer Antwort klopft Er auf Seinen Schoß und ich setze mich zu Ihm, lehne meinen Kopf an Ihn. In dem Moment wird mir bewusst, dass es jetzt nicht um die Antwort geht. Entscheidend ist, dass das Baby und ich bei Gott sind, in Seiner Gegenwart. Ich beginne, durch den Thronsaal schwebend zu tanzen.
Das ist unser Ziel: Mein Mann und ich wollen Gott dienen und Ihm unser Leben zur Verfügung stellen. Er ist gut und Er ist treu – ob er nun dieses Wunder geschehen lässt oder nicht!

Passend dazu begleitet uns ein Lied durch diese Zeit:
https://www.youtube.com/watch?v=awkO61T6i0k
Genau das wollen wir: im Sieg aus dieser Situation herausgehen – egal, wie es ausgeht!


45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

615.03.2019
Heute ist endlich wieder Ultraschall. Zitternd sitze ich im Untersuchungszimmer. Ob das an den Blutungen liegt oder eine Vorahnung ist, weiß ich nicht.

Als die Ärztin kommt, erzähle ich ihr sofort von den beiden Blutungen. Sie macht ein besorgtes Gesicht und entscheidet sich, sofort nachzuschauen. Gebannt schaue ich zwischen dem Bildschirm und dem Gesicht der Ärztin hin und her – Ich habe zu wenig Erfahrung und finde den Herzschlag eh nicht. Sie schweigt viel zu lang, sucht und zoomt, misst und überlegt. Allmählich beginne ich, die schlechte Nachricht zu ahnen. Schließlich murmelt sie, dass sie tatsächlich keinen Herzschlag mehr finden kann.

Ich starre auf den Bildschirm, auf das kleine Baby, wo man doch schon Ärmchen erkennen kann. Ich starre und kann nichts sagen, nicht weinen, ich denke auch nichts in diesem Moment. Das kann nicht sein! Noch einmal schaut sie, dann bittet sie mich vom Stuhl herunter. Sie hat Tränen in den Augen und drückt mich. So mitfühlend ist sie und will es scheinbar auch nicht realisieren – so wie ich. Wie ferngesteuert ziehe ich mich an und setze mich auf einen Stuhl. Die Ärztin erklärt kurz, dass sich das Baby manchmal nicht richtig einnistet und nicht ordentlich ernährt wird, oder dass Chromosomen falsch geteilt werden und es dann nicht überleben könnte. Auch die Größe spreche nicht für eine gesunde Entwicklung: Das Baby müsste doppelt so groß sein. Mit 17mm hat es den Stand von der 8. Woche – Ich bin nun in der 10. Vor 10 Tagen etwa habe das Herz aufgehört zu schlagen.

Mein Schock weicht und nun treten mir Tränen in die Augen. Meine Ärztin fragt mich, welches Krankenhaus ich für die Ausschabung möchte. Gerade so kann ich die Kraft aufbringen und entscheiden, dass ich keine Ausschabung möchte – Ich möchte eine natürliche Kleine Geburt.

Plötzlich springt meine Ärztin auf: Sie hat eine Idee und meint, dass wir nochmal an ein anderes Gerät gehen. Wir durchqueren daraufhin ein anderes Patientenzimmer, wo eine weitere Frau wartet. Im nächsten Zimmer lege ich mich auf eine Liege und sie schaut von außen mit einem Ultraschallgerät. Sie erklärt, dass diese Methode immer etwas ungenauer ist, aber man könne den Herzschlag vielleicht hören und eventuell liege das Baby auch ungünstig. In mir keimt neue Hoffnung auf. Doch es ist vergeblich, wir hören nichts. Ihre letzte Hoffnung ist, dass es an sich einfach etwas kleiner ist und ich soll in fünf Tagen zum erneuten Messen wiederkommen. Sie berührt mich nochmal ermutigend an der Schulter und ich wanke hinaus. Alle Freude scheint in diesem Moment aus mir zu weichen.

Im Hausflur lehne ich meinen Kopf an die kühle Wand und lasse den Tränen freien Lauf. Das kann nicht wahr sein. Das Baby muss leben! Wie konnte das passieren? Wieso mein Baby, was habe ich falsch gemacht? …
Ich möchte die Sekunden zurückdrehen und nichts von alledem erleben. Zu schwer scheint mir die Last. Tränenüberströmt setze ich mich zu meinem Mann ins Auto. Zum Glück ist er da!

Fünf Tage heißt es nun warten bis zum nächsten Termin. Bis dahin werden wir beten, dass das Herzlein wieder anfängt zu schlagen, dass das Baby wächst. Gemeinsam weinen und beten wir den ganzen Vormittag, schwankend zwischen Zuversicht, Verunsicherung und Verzweiflung.

Mein Mann muss leider noch zwei Stunden in der Schule unterrichten. Für die Zwischenzeit verabrede ich mich mit einer Freundin. Von ihr weiß ich, dass sie etwa in der gleichen Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt hatte, und sie das Baby auch zuhause bekommen hat. Ich fühle mich bereits jetzt getragen und kann ihr alles ganz sachlich und gefasst erzählen. Gemeinsam beten wir und sie erzählt mir die genauen Abläufe der Kleinen Geburt.

Anschließend backe ich Cookies und es geht mir richtig gut. Ich bin voller Zuversicht. Mein Mann kommt wieder, als ich gerade aus lauter Erschöpfung eingeschlafen bin. Gemeinsam gehen wir lange spazieren und tauschen viele Gedanken aus. Es ist eine ganz besondere Atmosphäre zwischen uns beiden und obwohl es so schwer ist, verbringen wir einen erstaunlich wertvollen Nachmittag.
Abends gehen wir ganz schick essen. Das machen wir bewusst so – das soll ein schöner Tag sein! Außerdem ist Freitagabend bei uns eh immer Date-Night…

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

512.03.2019
Und wieder habe ich eine Schmierblutung – bis jetzt die leichteste von allen. Da ich am Freitag sowieso einen Frauenarzttermin habe, entscheide ich mich bis dahin zu warten. Trotzdem renne ich die ganze Zeit übertrieben oft aufs Klo, um die Blutung zu beobachten. Sie ist schnell wieder weg und ich rufe Leben und Gesundheit über dem Baby aus.
In einem Artikel einer Hebamme lese ich, dass Blutungen selbst die selbstsichersten und unbeschwertesten Schwangeren aus der Bahn wirft. Sie sind eben so unberechenbar, können unzählige Gründe haben und sind von Frau zu Frau so unterschiedlich. Immerhin geht es ja auch um das Baby! Deswegen bin ich unglaublich verunsichert, schiebe aber alle Sorgen immer wieder entschieden zur Seite.

45 Tage Leben – Schicksalsschlag Fehlgeburt

401.03.2019
Mein Mann und ich sind im Urlaub in Israel. Wir wollen im Sommer Haus bauen, weswegen wir jetzt unseren Jahresurlaub genießen. Das Land hat einiges zu bieten und wir haben nicht allzu viel Zeit zur Verfügung. Also unternehmen wir reichlich und ich erschrecke, als eine stärkere Schmierblutung einsetzt. War das zu viel Stress?
Ich merke schon, dass mich einfache Dinge viel mehr anstrengen als zuvor. Meine Ausdauer war schon immer gut, aber jetzt brauche ich doch immer wieder Pausen im Programm. Als wir eine Freundin treffen und nachts schnellen Schrittes durch halb Jerusalem laufen, bin ich vor Erschöpfung den Tränen nahe und muss mir eingestehen, dass doch nicht mehr alles so geht wie zuvor. Also nehme ich mich etwas zurück und wir entspannen auch einfach mal nur. Das schlechte Gewissen nagt schon an mir, gleichzeitig weiß ich mich und das Baby aber auch in Gottes Hand. Ich glaube nicht, dass eine Schwangerschaft zum Stillsitzen zwingt. Und noch weniger, dass Gott Fehler bestraft.

Aber hier im Urlaub können wir sowieso erstmal nichts tun, außer zu beten und das Kind mit Leben zu segnen. Na und das tun wir wie die Weltmeister!