Gebet

HERR, 

ich rufe enttäuscht zu Dir, ich klage über die Ungerechtigkeit und Deine Abwesenheit! Ich verzweifle laut über Deinem Nicht-Eingreifen und über Deiner Passivität!

Und gleichzeitig werde ich ganz still vor Dir. Still, denn ich weiß, Du bist gut. Ich weiß, dass ich so klein bin und Dich nur nicht verstehe. Ich weiß, Du weinst mit mir und tröstest mich. Du bist direkt an meiner Seite und wirst mich hier durch tragen. Du hast eine Zukunft für uns, Du hälst Gutes für uns bereit.

Vergangenen Donnerstag hörte das Herz unseres Sohnes auf zu schlagen.

Attacke!

Der Teufel weiß  genau, wo er ansetzen muss. 

Unsere Ehe ist noch sehr jung, und auch davor waren wir nicht so lang zusammen. 

Mein Mann und ich sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und es ist nicht immer leicht, den anderen zu verstehen in seiner so anderen Herangehensweise. Aus diesem Grund war unser Start in die Ehe recht intensiv und herausfordernd – zumindest würde ich das ehrlicherweise so sagen.

Wir beide haben davon profitiert und der Biss, den wir beide haben, hat sich als guter Antrieb erwiesen. 

Na, viel Zeit blieb uns ja auch nicht, unsere Ehe wurde von Anfang an auf die Probe gestellt…

Uns beiden war immer klar, dass wir reichlich Familie gründen wollen – kommen wir doch beide aus Großfamilien. Und was passiert?

Das erste Kind schafft es nicht mal auf diese Welt, und das zweite stirbt nach wenigen Monaten fast.

Für uns sind das alarmierende Zeichen, dass wir voll im Schussfeld des Feindes stehen. Wir müssen uns schützen, dürfen es nicht auf uns selbst, den anderen oder Gott schieben. Wir dürfen nicht aufgeben und beispielsweise vor lauter Einschüchterung keine Kinder mehr planen. 

Denn gleichzeitig bestätigt es uns auf eine herausfordernde, motivierende Art, genau an diesen Dingen festzuhalten. Unsere Ehe ist etwas starkes, was der Teufel scheinbar nicht will; unsere Kinder tragen offensichtlich ein Potential in sich, das der Teufel fürchtet und vernichten will. 

Heute Vormittag wurde unser Sohn in eine andere Klinik verlegt. Der Abschied fiel uns schwer, da wir bereits so vertraut mit allem waren und die Schwestern und Ärzte so ins Herz geschlossen hatten. Als wir dann auf der neuen ITS im Wartezimmer saßen, berichtete uns eine Schwester, dass hier jeweils nur ein Besucher pro Tag geduldet werde. Das bedeutet, dass mein Mann und ich uns nun tageweise abwechseln müssen. Tage, an denen einer von uns unseren Sohn gar nicht sehen darf, lediglich Minuten, die wir mit dem Partner verbringen und viele Dinge, die jeweils einer von uns beiden verpassen wird. Unsere wertvolle Familienzeit der letzten Wochen ist mit einem Mal zu Ende.

Bei all dem Ärger und der Unverständnis, die ich bei dieser Regel verspüre, so zeigt es mir doch, dass der Teufel zwar genau die empfindlichsten Punkte angreift, aber auch, dass Gott letztendlich doch das letzte Wort hat. Er hat es in den letzten zwei Wochen nicht zugelassen, dass mein Mann und ich getrennt werden. Wir durften stundenlang gemeinsam am Bett unseres Kindes sitzen, gemeinsam die schwerste Zeit unseres Lebens ertragen. Ohne meinen Mann hätte ich das nicht geschafft – das wurde mir in den kurzen Momenten, in denen ich alleine war, klar. Denn da fiel sofort alles über mir zusammen. Er war mein Fels und das konnte der Teufel mir nicht nehmen.

Jetzt ist es hart, unfair und es bäumt sich etwas in mir auf – aber mittlerweile glaube ich, dass wir das schaffen können, auch mit solch unmenschlichen und sinnlosen Regeln.

Der Teufel kann an der Oberfläche kratzen, immer und immer wieder. Und er kennt die sensiblen, verwundbaren Stellen genau. Aber Gott ist größer. Er hat die Hand drüber und weiß, wo unsere Grenzen liegen.

Schlechte Neuigkeiten

Der Arzt war kreativ und mutig. Mit einer spontanen und gewagten Idee konnte er das Herzlein retten und nun pumpt es – aber nur mithilfe einer Maschine. Diese ist so riskant, dass wir in den darauffolgenden Tagen nie zu Ruhe kommen und ständig irgendwelche negativen Neuigkeiten und Veränderungen auf uns einprasseln. Es ist unerträglich! 

So zum Beispiel am Tag nach der Operation.

Mein Mann ist nach Hause gefahren, da wir durch den überstürzten Aufbruch fast nichts bei uns haben. Ich sitze am Bett unseres Babys, als plötzlich der Herzschlag rapide fällt. Ich werde herausgeschickt und sehe Schwestern und Ärzte herumrennen. Voller Panik sitze ich in der Schleuse, wo mich glücklicherweise eine andere Mutter beruhigt.

Nach etwa einer Stunde kommt eine Ärztin und bittet mich nach draußen in den Flur. Ihr Gesicht ist so ernst und in diesem Moment sackt in mir alles zusammen. Ich ahne das Schlimmste und lehne mich an die Wand. Sie erklärt, was soeben passiert ist. Während ich mich an die Frage klammere, ob er noch lebt, kommt ein anderer Arzt hinzu. Er redet von einer kollabierten Herzkammer und einer angeschlossenen Maschine. Er sagt etwas von Sauerstoff und der Lunge. Schließlich setzt er nochmal an, weil ich nichts verstehe. Ich schaue ihm beim Sprechen zu und spüre das starke Klopfen in meiner Brust. Irgendwann hält er inne und fragt: „Verstehen Sie, was ich sage?“ Ich schüttle mühsam den Kopf, woraufhin ihn das Mitleid überkommt und er mich sanft an der Schulter berührt. Ganz heruntergebrochen setzt er noch ein letztes Mal an und diesmal konzentriere ich mich voll und verstehe es auch einigermaßen. Trotzdem klingt es zu schlimm und eine Welle der Verzweiflung überströmt mich. Ich presse meine Hände an die Wand und frage unter Tränen: „Aber hat er denn überhaupt eine Chance?“ Der Oberarzt muss lächeln und beruhigt mich: „Natürlich hat Ihr Sohn eine Chance, sonst würden wir das nicht machen. Es ist riskant und es kann viel passieren, aber er hat eine Chance. Sie werden sehr viel Geduld brauchen. In Ordnung?“ Ich bringe mit viel Kraft ein Nicken auf. Mit diesen Worten gehen er und die Ärztin und lassen mich im Flur stehen.

Ich starre vor mich hin und versuche, das Gehörte zu verarbeiten. Irgendwann hebe ich den Blick und nehme meine Umgebung wieder wahr. Drinnen sitzt die befreundete Mutter und ich gehe zu ihr. Sie nimmt mich in den Arm und bietet mir an, dazubleiben, bis mein Mann wieder kommt. 

Ich sitze nur da und kann nicht sagen, was ich jetzt brauche.

Schließlich gehe ich nach unten an die Rezeption, da nur dort Empfang ist. Ich versuche, meine Mutter und die meines Mannes anzurufen, habe aber nur mäßigen Erfolg. 

Da hockend in dem ITS-Kittel findet mich die Freundin und sie bleibt bei mir, bis mein Mann zurückkommt.

Nach gefühlten Ewigkeiten kommt der ersehnte Anruf mit der erfreulichen Nachricht: die Op war erfolgreich, beide Herzkammern sind angeschlossen. Das Ganze nennt sich Ecmo-Therapie und bedeutet, dass die Lunge extern ersetzt wird, wobei eine Maschine das Blut mit Sauerstoff anreichert, und das Herz mittels einer Pumpe unterstützt wird, um es zu entlasten. Dabei muss das Blut sehr flüssig sein und darf nicht gerinnen. Das wiederum führt im Nachhinein zu vielen Komplikationen und Nebenwirkungen.

Aber unsere Überlebensstrategie in diesen Tagen lautet, von Stunde zu Stunde zu leben. Deswegen kann und will keiner sagen, was noch alles auf uns zukommt. Jetzt geht es darum, dass unser Kind die nächste Stunde überlebt.

Diagnose: Bland-White-Garland-Syndrom


Nach einer Odyssee aus drei verschiedenen Krankenhäusern mit jeweils überstürzten Notverlegungen, vielen Ärzten und Untersuchungen, Vermutungen in alle Richtungen und einer ständig ansteigenden Anspannung sitzen wir nun hier im Besucher-Wartezimmer der Kinder-ITS im Herzzentrum. Die Diagnose: Bland-White-Garland-Syndrom, ein äußerst seltener Herzfehler. Wir kommen in letzter Minute, meinem Sohn geht es zusehends schlechter. Vor dem Herzkatheder bringt er seine letzte Kraft auf, um uns Eltern nochmal in die Augen zu schauen und mit Papas Bart und Mamas Händen zu spielen. Dann schläft er für lange Zeit ein. 

Direkt am Tag darauf ist die große Operation – neun Stunden warten wir, laufen unruhig hin und her und versuchen unsere Gedanken nur in die gute Richtung zu lenken. Wir beten und stützen uns gegenseitig. Jeden negativen Gedanken schieben wir mühsam immer und immer wieder zur Seite. 

Dann endlich der erlösende Anruf: 

Er lebt!

Brief an mein Baby

Mein kleines Baby, mein unendlich süßer Schatz! 

Ich vermisse dich so sehr, dass es mir das Herz zerreißt. Ich stehe ohne dich auf, zu kraftlos für den Tag, und schlafe ein, ohne dich dabei noch einmal bestaunen zu können. Ich produziere Milch in meinen Brüsten und du trinkst sie nicht mehr. 

Ich will dich lachen sehen, dein süßes herzeroberndes Initiativlächeln. Ich vermisse den Blick aus deinen großen neugierigen Augen. Ich will dich wickeln, baden, dir beim Spielen und auf die Seite Drehen zuschauen. Und ich will dich auf den Arm nehmen, dich wiegen und trösten, dir nahe sein und deine Wange streicheln. Ich will dir die Welt zeigen und darüber staunen, was du alles dazulernst.

Stattdessen sitze ich an deinem Bett und starre ungläubig in dein regloses Gesicht, auf deinen Körper, der nicht selbst arbeitet, sondern von Maschinen am Leben erhalten wird. Die Schläuche und Kabel geben nur minimale Möglichkeiten, dich zu berühren – ganz vorsichtig, damit kein Äderchen platzt. 

Und immer ist da diese Angst. 
Was wird in einer Stunde sein, was morgen und in einer Woche? Wie soll ich die nächsten Tage überstehen, wie soll ich dich weiterhin so leiden sehen können?

Wirst du leben? Wird das hier gut ausgehen? Wird dein kleines Herzchen kräftig werden, um es allein zu schaffen?

Es gibt keine Sekunde der Sicherheit. Keine gute Nachricht ist gut genug, um aufzuatmen, um mich zurückzulehnen. Mein Herz schlägt bis zum Hals, wenn einer deiner Oberärzte um ein Gespräch bittet. Das Adrenalin durchströmt meinen Körper pausenlos, um durchzuhalten, um Kraft für die nächste Stunde aufzubringen. 

Doch manchmal strömt da auch ein Gefühl der Wärme und Liebe in mein Herz. Dann fühle ich mich in eine Blase des Gebetes gehüllt, voller Frieden und Geborgenheit. Dann weiß ich, Gott weint mit mir, Er hält Seine Hände über meinem Sohn, über meinem kleinen Baby. Und er wird das Leben retten, mein Kind wird leben! Das Wunder wird geschehen.

Jessica

Gestern traf ich bei meinem Spaziergang eine alte Klassenkameradin aus der Grundschule, ich nenne sie hier Jessica (wobei kein anderer Name besser zu ihr passt als ihr echter). Bereits in der ersten Klasse war sie ein großgewachsenes Mädchen mit langen blonden Haaren, weswegen sie mich immer an Barbie erinnert hat. Ich dagegen war sehr klein – um es genau zu nehmen war ich die kleinste und Jessica zusammen mit einer anderen die größte. Im Sportunterricht war das immer am eindeutigsten, denn da standen wir jeweils am Anfang und am Ende der Reihe.

Mädchen in dem Alter können sehr gemein sein, und so wurde mir genau dieser Größenunterschied zum Verhängnis. Ständig zogen die beiden mich auf und hackten auf meiner Größe herum. Ich war daher ab dem ersten Schultag ein sehr schüchternes und zurückhaltendes Mädchen und wusste in meiner Unschuld gar nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich erinnere mich, wie ich meine Mutter fragte, was ich denn auf böse Sprüche erwidern solle. So manches Mal rannte ich weinend nach Hause und ließ mich dort wieder trösten und ermutigen.

Aus diesem Grund hasste ich vor allem den Sportunterricht: diese blöde Begrüßung in der Reihenaufstellung, und der Weitsprung erst… Dafür liebte ich die Deutschstunden umso mehr! Meine Lehrerin mochte meine Geschichten, die ich leidenschaftlich gern schrieb, und ließ sie mich oft laut vorlesen. In diesen Momenten hatte ich das Gefühl, ganz groß zu sein und die Anerkennung zu bekommen, nach der ich mich so oft sehnte.

Diese negative Erfahrung mit den beiden Mädchen schüchterte mich ein und öffnete die Tür für andere, die ebenfalls auf mir herumhackten, bis in die siebte Klasse hinein. Erst danach sollte ich lernen, aufzustehen und gehörte so nach einem Schulwechsel plötzlich zu den Beliebten der Klasse. Bis heute bin ich aber schnell verunsichert in meiner Persönlichkeit und nehme mir sehr zu Herzen, was andere über mich sagen.
Meine Grundschulklasse war derb und gemein, ich würde niemals zu einem Klassentreffen gehen. Sie ist sicherlich nicht schuld an meinen Schwächen – aber ohne diesen Schulbeginn wäre ich vielleicht selbstbewusster ins Leben gestartet.

Und dann steht da Jessica im Wald vor mir.

Wir sind etwa gleichgroß, das fällt mir als allererstes auf. Sie erkennt mich erst nicht, während ich ihre langen blonden Haare sofort zuordnen kann. Aber wir haben uns immerhin seit 18 Jahren nicht mehr gesehen. Vor mir schiebe ich mein kleines Baby im Kinderwagen und sie ist sichtlich überrascht darüber. Ihre Mutter steht neben ihr und staunt ebenso. Während Jessica wenig sagt, plaudert ihre Mutter locker drauf los – so, als wären wir früher Freundinnen gewesen. Ich dagegen horche in mich hinein und spüre zu meiner Überraschung absoluten Frieden. Da ist kein Vorwurf, ja nicht einmal Unbehagen. Ich bin versöhnt und glücklich damit, wie mein Leben gelaufen ist, wie ich mich entwickelt habe und wo ich jetzt stehe. Ich bin weder nachtragend noch verbittert, sondern habe den Grundschulstart als Anlass genommen, eine Kämpferin zu werden.

Ein Satz schießt mir noch in meine Gedanken: Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Ich wünsche Jessica das Allerbeste und viel weiß ich nicht über sie, auch jetzt nicht. Aber fest steht, dass ich nicht mehr ganz am Ende der Reihe stehe und nicht länger übersehen werde. Ihr Mobbing hat ihr vielleicht im entsprechenden Zeitpunkt Freunde und Genugtuung verschafft, aber auf lange Sicht muss jeder für sich seinen Weg gehen.

Dennoch bin ich den ganzen Tag über sehr traurig darüber, wie verletzend sie als kleines Mädchen war, und ich hoffe so sehr, dass sie ein angenehmerer Mensch geworden ist.
Jeder möchte doch gute Spuren im Leben der anderen hinterlassen, oder nicht?

Schlummernde Träume

Es gibt Dinge, die man immer schon tun wollte, aber nie getan hat, Sehnsüchte, die in einem schlummern, die man aber nie richtig weiter verfolgt hat. Dafür gibt es verschiedene Gründe: zu teuer, zu wenig Zeit, oder einfach zu verrückt…

Ich wohne in einer Wohnung mit einer großen Fensterfront. Der Ausblick ist traumhaft schön und reicht ziemlich weit. Unter anderem habe ich einen Blick auf einen Reiterhof und dessen Koppeln, wo jeden Tag die Pferde herumspringen. Sie wecken in mir immer wieder die tiefe Sehnsucht, ein eigenes Pferd zu haben.

Als junges Mädchen ist es ja fast schon Teil der Entwicklung, Pferdefan zu sein, die Wendy zu lesen und reiten lernen zu wollen. Obwohl mein Papa immer für jedes Haustier zu haben war, war ein Pferd nie drin. Trotzdem hatten wir Glück und konnten bei einem Freund von ihm Western reiten lernen und ich durfte sogar ein paar Mal ausreiten. Später, während des Studiums, half ich bei einer Reittherapie ehrenamtlich mit, wobei ich allerdings kaum ritt, sondern mich mehr um die Pferde und die Patienten kümmerte. Und damit hört die Geschichte leider auf.

Seitdem ist der Traum vom Reiten verbuddelt und in den Hintergrund gerutscht. Einmal bat ich Gott darum, mir zu zeigen, was er in mein Herz gelegt hat, was ich verdrängt habe. Sofort kam mir meine Liebe zu Pferden in den Sinn. Wenn ich dann hinaus schaue und die Pferde sehe, keimt die Sehnsucht wieder auf.

Manchmal lasse ich den Träumen freien Lauf. Dann spaziere ich zu den Pferden und suche mir das schönste aus. Oder ich suche im Internet nach einem Pferd, das ich kaufen könnte. Gern stelle ich mir dann auch vor, ein ganz anderes Leben zu leben – irgendwo auf dem Land mit einem großen Hof und einigen Pferden im Stall.

Vielleicht klingt das kitschig und unrealistisch. Aber ich finde es total spannend, im Herzen nach solchen Dingen zu graben, die verschüttet waren und doch irgendwie das ganze Leben über in einem schlummern. Was wäre denn, wenn wir unsere Träume einfach mal verwirklichen würden? Wenn wir den Mut hätten, dem nachzugehen, was uns wirklich am Herzen liegt und glücklich macht?

Ich will dafür offen sein. Ich kaufe mir sicherlich heute und morgen kein Pferd. Aber wenn ich mal eine Tochter habe und sie reiten lernen will – wer weiß?

Und bis dahin werde ich weiter in meinem Herzen graben, was da noch alles so schlummert.

Zeilen aus dem Wochenbett

Nun bin ich Mama.
Was ist jetzt anders?
Ich habe definitiv weniger Zeit für mich. Diese Woche habe ich es gefeiert, zwischen zwei Still-Phasen meine Fußnägel zu lackieren. Das habe ich einfach dringend gebraucht. Aber drei Minuten lang Zähne putzen wird schon schwierig, meistens stecke ich währenddessen noch zweimal das Nuckel zurück in Babys Mund.

Paradoxerweise habe ich viel Zeit, um über alles Mögliche nachzudenken. In der Nacht bin ich kaum im Tiefschlaf, vielmehr döse ich vor mich hin. Daher träume ich ständig irgendetwas. Während des Stillens fallen mir dann nach und nach verschiedene Träume ein, über die ich nachdenke und die ich versuche, einzuordnen. Überhaupt fallen mir beim Stillen sämtliche Ereignisse meines Lebens wieder ein, vor allem jene, die ich längst vergessen hatte.

Das Wochenbett ist eine sehr aufwühlende Erfahrung. Obwohl alle davon reden, war ich vom Ausmaß überrumpelt. So einschränkend hatte ich mir das nicht vorgestellt! Obwohl meine Hormone anfangs noch relativ gnädig mit mir waren, schlugen sie mit Einsetzen meiner Periode in Woche vier mit voller Wucht zu. Plötzlich war alles schlimm und zu viel und ich fühlte mich überfordert und einsam.

Die momentane Situation mit Corona ging zunächst ein wenig an mir vorrüber. Ich bemerkte nur, dass wir nicht mit dem Besucheransturm in den ersten Wochen zu kämpfen hatten, vor dem viele Mütter warnen. Da ich ja aber nicht raus ging, kamen mir die Erzählungen der anderen skurril und unwirklich vor. Anstehen, um einkaufen zu dürfen, Einkaufswagenpflicht, geschlossene Geschäfte? Verrückt.
Für uns war es tatsächlich eine gesegnete erste Zeit als Familie. Wir konnten uns in Ruhe kennenlernen und den neuen Alltag organisieren.

Eine Lektion für mich war es auch, um jede Kleinigkeit bitten zu müssen. Sonst packe ich immer am liebsten selbst an und bitte nicht so schnell um Hilfe. Aber nun musste ich mir jede Socke hertragen lassen und jeden Wunsch klar ausformulieren. Das will gelernt sein! Dazu gehörte auch die Lektion, geduldig abzuwarten und Andersartigkeit auszuhalten. Ich erledige die Dinge zwar nach einer gewissen Logik und habe ein bestimmtes System in meiner Wohnung, aber jemand anderes macht das unter Umständen ganz anders und das kann genauso in Ordnung sein – in einer anderen Reihenfolge, mit anderen Prioritäten, nach anderen Vorstellungen. Und ich saß da, schaute zu und lernte, es zu akzeptieren und geduldig abzuwarten. Klingt vielleicht banal, ist aber durchaus ein Thema für mich gewesen.

Woran ich mich noch immer nicht so richtig gewöhnt habe, ist der Blick auf mein kleines Baby. Es gehört nun zu mir und ich bin seine Mama! Das ist ein unglaublich erfüllender Gedanke, verknüpft mit einem sehr starkem Gefühl des Verantwortungsbewusstseins, Friedens und Dankes.

Gott ist treu und ich bin ihm unendlich dankbar für dieses kleine wundervolle Geschöpf!

eben mal schnell entbunden…

D20.15 Uhr
ie Blase springt. Ich bin allein zuhause und weiß erst einmal gar nicht, was geschieht. Irgendwie komme ich nicht auf die Idee, die ultradicken Binden zu nehmen, also renne ich bei jeder Bewegung des Kindes wieder zum Klo, da ein neuer Schwall Fruchtwasser kommt.

Mein Mann kommt glücklicherweise wenige Minuten später nach Hause. Während er anfängt, vom Hausbau zu reden, warte ich auf eine Pause, um ihm zu berichten, was gerade passiert ist. Ich halte es aber nicht lange aus und unterbreche ihn recht bald: „Ich glaube, meine Fruchtblase ist geplatzt. Die Geburt geht los.“

Aufgeregt zitternd rufe ich meine Hebamme an. Sie sagt mir, was ich tun soll: So gut es geht noch ausruhen, versuchen, ein bisschen zu schlafen und später wieder anrufen, wenn schmerzhafte Wehen eingetreten und regelmäßig in kurzen Abständen kommen. Okay.

Wir setzen uns an den gedeckten Tisch. Jedoch bekomme ich keinen Happen runter und renne stattdessen mit Durchfall aufs Klo, nicht zu vergessen das immer noch fließende Fruchtwasser. Ich dusche in Ruhe, da ich sicherlich in den nächsten Tagen nicht dazu kommen werde. Mit meinem Mann rede ich darüber, was nun alles zu tun ist. Mit einem Blick auf die Uhr freuen wir uns, dass das Kind am Frühlingsanfang und dem schönen Datum 20.03.2020 geboren werden wird. „Zum Frühstück ist bestimmt alles geschafft.“, lächle ich meinen Mann verträumt an. Wenn ich wüsste…

21.15 Uhr
Plötzlich schmerzt es jedes Mal, wenn der Bauch hart wird. Damit hatte ich ja gerechnet und so stoppe ich per App den Abstand. Irgendwie ist der aber viel zu kurz, das kann ja nicht sein. Ich messe weiter und bin mir sicher, dass sich die Abstände bald vergrößern werden, ich erwarte so 12 Minuten statt der jetzigen drei bis fünf.

22.15 Uhr
Irgendwie werden die Abstände nicht normal und ich frage mich, was da nicht stimmt. Die Wehen schmerzen inzwischen so stark, dass ich mich frage, wie ich das mit der Dynamik zwölf Stunden aushalten soll. Verzweifelt sage ich immer wieder zu meinem Mann, dass das nicht so sein kann, dass die Abstände am Anfang viel größer sein müssen, dass ich längere Pausen brauche.

22.30 Uhr
Ich nehme einen Druck nach unten wahr. Na jetzt wird´s ganz verrückt! Langsam beginnt es mir zu dämmern, dass die Geburt vielleicht tatsächlich schon in vollstem Gange ist. Ich bitte meinen Mann, dringend die Hebamme anzurufen und ihr zu sagen, dass es jetzt schon losgeht. Sie braucht eine dreiviertel Stunde und ich freue mich sehr darauf, sie bei mir zu haben.

Der Druck wird inzwischen immer größer. Ich habe davon gehört, dass man nicht zu schnell pressen darf, also versuche ich, dem Drang danach nicht nachzugeben. Mein Mann räumt inzwischen einige Dinge zurecht, die wir für die Geburt gekauft hatten. Allerdings kommt er damit nicht sehr weit, weil ich ständig eine neue Wehe habe und seine Hand zum Drücken wünsche. Immer wieder frage ich ihn, wie spät die Hebamme da sein müsste und geduldig zählt er mir die Minuten runter, die sie noch braucht. Ich ersehne sie jetzt richtig sehr. Sie wird mir sagen können, was hier vor sich geht und was ich tun soll. Irgendwann kann ich dem Druck nicht mehr standhalten und beginne zu pressen. Noch immer glaube ich, dass es lange dauern wird – es ist ja eine Erstgeburt und die dauern immer lange.

Plötzlich spüre ich, dass da etwas kommt. Ich taste zwischen meinen Beinen und fühle den Kopf des Kindes. Nun kann ich die Realität nicht länger verdrängen: Da hat es jemand ganz eilig! Ich versuche, den Kopf langsam bei der nächsten Wehe herauszupressen und stütze ihn mit einer Hand. In der darauffolgenden Pause sage ich zu meinem Man: „Ich weiß, wir hatten ausgemacht, dass du nur bei mir am Kopf bleibst, damit du nichts sehen musst. Aber der Kopf ist jetzt draußen und du musst das Baby auffangen.“ Viel Zeit zum Überlegen bleibt ihm nicht, denn die nächste Wehe kommt und das Kind wird direkt in seine Arme geboren.

23.23 Uhr
Ich sacke auf den Boden und mein Mann legt mir unser Neugeborenes in die Arme. Staunend halte ich es und schaue es ganz überwältigt an. Es muss einen Laut von sich geben, das weiß ich, und das tut es auch: Es quäkt ganz niedlich. Plötzlich werden die Hände und Füße ganz blau und ich bekomme Angst. Bis jetzt ging alles ganz automatisch und ich musste nicht nachdenken. Aber was geschieht jetzt? Was muss ich tun, was braucht das Baby jetzt? Wie lang darf es an der Nabelschnur bleiben? Eher nebenbei registriere ich, dass ich  einen kleinen Sohn geboren habe. Zeitweise war ich darauf so neugierig, nun nehme ich es einfach so wahr, so überwältigend sind all die Eindrücke.

Ich habe es gar nicht klingeln gehört, aber plötzlich hockt meine Hebamme neben mir und mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen. Sie übernimmt die Versorgung von uns beiden.

Da die Geburt superschnell ging, zieht meine erschöpfte Gebärmutter sich nicht richtig zusammen und ich verliere viel Blut. Doch mit Hilfe einer Wehen fördernden Spritze regelt das die Hebamme. Später in der Dusche werde ich noch ohnmächtig, aber das ist alles nicht der Rede wert, wenn man das kleine Geschöpf staunend in den Händen halten kann! Etwas unwirklich kommt es mir noch vor, nach nur wenigen Stunden ist er nun da: unser geliebter Sohn!

Und es ist eben nicht der Frühlingsanfang – dafür war der Kleine einfach viel zu schnell. Er ist gerade so noch ein Winterkind. Und zum Frühstück hatten wir dann schon wieder ein paar Stunden geschlafen gehabt – mit unserem Baby in unserer Mitte.

Einmal wenden bitte!

Knapp an der Diagnose SGA-Baby (Small for Gestational Age) vorbeigeschlittert heißt es nun, dass das Kind zwar klein ist, aber fleißig zunimmt. Ich hatte mir von Anfang an immer wieder bei mir selbst gedacht, dass ich ja kein Riesenbaby bekommen kann – wie soll das denn bitte funktionieren mit der Geburt? Draußen kann es meinetwegen wachsen, soviel es will. Aber die Natur richtet doch solche Dinge größenverhältnismäßig meistens genau so ein, dass es passt. Deswegen hatte mich selbst die Größe nie groß verwundert. Aber wenn alle besorgt im Kreis rennen, wird man doch ganz schön verunsichert! Wie schön, dass jetzt alle wieder einigermaßen beruhigt sind.

Ein ganz anderes Problem blieb die Beckenendlage. Mein Baby saß mit seinem Pops in meinem Becken und machte keine Anstalten, daran irgendwas zu ändern. Die Füße nach oben gestreckt stellte ich mir die Position immer sehr unbequem vor, aber so schien es sitzen bleiben zu wollen. Unsicher ging ich also zur Intensiv-Schwangeren-Beratung, wo alle Voraussetzungen für eine Äußere Wendung abgecheckt wurden. Doch bis das geklärt wurde, fiel natürlich erstmal wieder die Tendenz zum SGA-Baby auf, was reichlich diskutiert wurde. Eine Steißgeburt: undenkbar!
Aha, am Ende doch das Fazit: „Naja, Sie sind ja selbst nicht groß, das passt schon so. Versorgt wird es auf jeden Fall gut.“
Sag ich ja.

Immerhin, für die Wendung war es gut, dass es nicht zu groß ist. Eine Woche später wurde ich also bestellt.

Etwas nervös erscheine ich 8 Uhr im Kreißsaal, wo ich die nächsten zehn Stunden verbringen werde. Mit einem zweistündigen CTG wird mir der Anschein vermittelt, dass ich mich bereits mitten in der Behandlung befinde. Schließlich gesteht mir eine Hebamme, dass der Oberarzt nach dem geplanten Kaiserschnitt am Morgen noch eine Not-OP durchführen muss und es noch ein ganzes Stückchen dauern könnte. Eine Mutter (8. Schwangerschaft) war mit Zwillingen in der 19. SSW gekommen, da der Muttermund bereits geöffnet und jeweils ein Füßchen beider Babys herauskommen wollte. Kurzerhand musste der Arzt die Füße zurückschieben und den Muttermund zunähen.
Na dafür warte ich definitiv gern noch zwei Stunden länger…!

Irgendwann hat eine Hebamme Erbarmen mit mir und bringt mir einen Becher Wasser. Wegen der Vorbereitung auf einen Notkaiserschnitt unter Vorbehalt musste ich nüchtern erscheinen – das Wasser ersehne ich dementsprechend sehr.

Drei Stunden später klärt mich eine Assistenzärztin darüber auf, was im Falle eines Notkaiserschnitts passieren könnte und legt mir eine Flexüle. Wieder eine halbe Stunde später werde ich an den Wehenblocker-Tropf geschlossen. Sobald mein Blut davon gespeist wird, setzt unglaubliches Herzrasen ein und ich werde unruhig. Die Anästhesie-Ärztin kommt und belehrt mich; jedoch kann ich ihr kaum folgen, weil ich so mit meinem Herzschlag und dem Zittern beschäftigt bin. Erleichtert stelle ich fest, dass die ewige Warterei insofern seinen Sinn hatte, dass mein Mann nun doch dabei sein kann: Er schafft es, nach Arbeitsende dazuzukommen. Tatsächlich betritt er den Raum und fünf Minuten später ist der Oberarzt zur Wendung da.

Ab da geht alles ganz schnell. Ohne große Vorrede beginnt der Arzt mit der Behandlung und schiebt seine Hände in meinem Bauch. So tief, dass mir der Atem wegbleibt. Ich hatte gehört, dass es etwas schmerzt, aber das überrascht mich jetzt doch.

Die Hebammen helfen mir, richtig zu atmen, während der Arzt mit einer Hand den Babypo aus meinem Becken heraushebt. Dann wartet er kurz, in welche Richtung das Baby seinen Purzelbaum vollführen möchte. Aber da tut sich nichts und so schiebt er es an Kopf und Rücken nach eigener Entscheidung nach vorn. Auf dem Ultraschallgerät sehe ich, wie es bereits in der Querlage liegt. Und atmen. Eine Hebamme reicht mir ihre Hand, damit ich zudrücken kann. Weiter geht’s. Das Baby winkelt ein Beinchen an, das andere lässt es ausgestreckt vor seinem Gesicht. Also muss die Drehung in dieser Haltung vollführt werden. Der Arzt drückt, ich versuche zu atmen. Und dann wird er plötzlich hektisch. Auf dem Ultraschallgerät sehe ich, wie er nach dem Herzlein sucht. Es pumpt einmal, nach einer Weile ein zweites Mal, doch nur ganz schwach.

Was passiert hier?

Der Arzt stellt auf CTG um, der Bildschirm dafür ist mir weggedreht. Ich schaue in die verschiedenen Gesichter über mir und frage, ob alles okay ist. Dabei weiß ich doch genau, was hier gerade passiert. Ich schaue zu meinem Mann, der auf dem Bett hinter dem Arzt sitzt, aber ich verstehe seinen Gesichtsausdruck nicht. Endlich erklärt der Arzt, dass das langgestreckte Füßchen die Nabelschnur abklemmt. Er muss den Kopf nochmal nach oben schieben, damit sie rausspringen kann. Er drückt, ich atme den Schmerz weg, die Nabelschnur ist frei. Alle starren auf die Herztöne, die ich nicht sehen kann. Tief atmen soll ich, damit beim Baby viel ankommt.

Ich atme, für mein Baby.

Ich schaue auf meinen Bauch und bete in Sprachen, weil ich keine Worte finden kann. Jetzt hat Gott die komplette Kontrolle. Er entscheidet. Dann endlich beruhigen sich alle. Der Arzt sagt erleichtert, dass die Werte besser werden. Bald sind sie wieder zwischen 110 und 120 Hz. Der Arzt geht kurz raus. In der Zeit dreht mein Mann den Bildschirm zu mir und drückt mich.  Mir kommen die Tränen, ich bin überfordert von der Situation, von dem eben Erlebten. Wenn das jetzt schief gegangen wäre, dann basierend auf meinem ausdrücklichen Wunsch der Äußeren Wendung. Das hätte ich mir nie verzeihen können.

Und dann merke ich, dass ich mit einem Mal unendlich glücklich bin. So richtig zum Hüpfen glücklich, über alle Maßen! Dem Baby geht’s wieder gut, die Wendung hat funktioniert! Es ist geschafft! Es hat sich gelohnt!

Der Arzt kommt noch einmal herein, beobachtet eine Weile die Werte und meint abschließend, dass es so gut sei. Dennoch solle ich über Nacht zur Überwachung stationär dableiben. Ich danke ihm und er geht – zur nächsten Op.

Beim Aufstehen merke ich, dass sich alles anders anfühlt. Mein Bauch sieht anders aus, er trägt sich anders und scheint unglaublich fragil. Das soll die nächsten Stunden auch so bleiben. In der Nacht wache ich bei jeder Bewegung des Babys auf – besorgt, ob es ihm gut geht, ob es sich jetzt doch wieder herumdreht oder ob ich ihm seine Lieblingsseite entrissen habe. Am darauffolgenden Morgen tritt es einige Male beherzt in meine rechte Seite, so stark, dass ich zusammenzucke. Ab da bin ich beruhigter – zurück ist seine Kraft und sein starker Wille.
Und irgendwie fühlt es sich wie ein Friedensangebot an.

Baby, du bist genau richtig so!

Der häufigste Kommentar während meiner Schwangerschaft bezog sich auf die Größe meines Bauches. Immer war er allen zu klein – und egal, mit welcher Absicht das kommentiert wurde, es hat mich jedes Mal enorm herausgefordert, damit umzugehen. Ändern kann ich eh nichts dran. Das Baby hat bis jetzt immer reingepasst und die Haut wurde auch nicht überstrapaziert, was ja schön ist. Ich blieb immer etwas unsicher und sprachlos zurück – was sagt man denn am besten darauf? „Äh, ich finde schon, dass er groß ist…“, oder: „Die Ärzte haben alles im Blick, für das Baby ist genügend Platz…“?

Mittlerweile bin ich es gewohnt, dass die Anderen gern alles kommentieren und ihre Meinung äußern, ohne darüber nachzudenken, was sie eventuell damit an Schaden anrichten könnten. Wer weiß, wie oft mir selbst das passiert! Letztendlich ist es dann meine Verantwortung, wie ich damit umgehe. Ich habe mir angewöhnt, meinem Baby daraufhin gleich zuzusprechen, dass es genau richtig ist, dass es nicht zu klein ist, dass die Größe nichts mit seinem Wert zu tun hat und dass ich es unendlich liebe, egal, wie groß es ist. Sogar meinen Mann habe ich gebeten, nicht mehr „kleines Baby“ zu sagen – obwohl das natürlich liebkosend gemeint war.

Baby, du bist genau richtig so!

So, und nun, in der 36. Woche, stehe ich unter regelmäßiger Kontrolle, weil mein Baby viel zu klein ist. Es hat den Stand von vor sechs Wochen. Nun bekomme ich ständig CTG und Doppler-Sonografie, um die Versorgung zu überprüfen. Alles dreht sich nur noch um das viel zu leichte Baby – in der Geburtsvorbereitung, in Gesprächen, in meinem Kopf. Noch dazu reden alle davon, dass das Baby falsch herum liegt: Es muss dringend seinen Kopf nach unten drehen!

Während ich selbst durchgängig versuche, alle Sorgen loszulassen und Gott zu vertrauen, dass er spätestens rechtzeitig handeln wird, spüre ich mehr und mehr, wie das Baby unter Beschuss steht. Ich möchte ihm zusprechen, dass es nicht falsch herum liegt, dass es sich die Zeit nehmen kann, die es braucht, um sich zu drehen, dass es sich alles aus meinem Körper nehmen darf, was es braucht. Ich will ihm nicht vor seinem Start ins Leben bereits mit Konsequenzen drohen und auf die Fehler hinweisen, die es macht.

Aber nun ist es nicht länger nicht ganz dem Normwert entsprechend, sondern definitv zu leicht und gefährdet. Auch in mir wird nun der Satz immer lauter: Wenn es nicht sofort alles nach Plan macht, wird es im schlimmsten Fall operativ geholt! Wir sind nun mal gefangen in den Strukturen, sie geben uns Orientierung für die Gesundheit des Babys. Der Termin rutscht näher und die Zeitpläne sind fest vorgeschrieben. Klar, es könnte sich theoretisch auch noch am allerletzten Tag von allein drehen, aber die entsprechenden Maßnahmen würden wir bereits vorher ergreifen.

So befinde ich mich also wieder mal in einer Woche des Abwartens. Wie damals, vor fast genau einem Jahr. Am Montag ist der nächste Ultraschall. Wie viel wird es wiegen, wie wird es liegen?

Wieder hoffe ich auf ein Wunder, auf plötzliches enormes Wachstum, auf eine spontane selbstständige Drehung, auf positive und beruhigende Befunde. Gleichzeitig bereite ich mein Innerstes auf alle anderen Alternativen vor: eine äußere Wendung, statt der geplanten Hausgeburt eine Krankenhausgeburt in einem riesigen Klinikum oder sogar Kaiserschnitt.

Und in all dem Chaos ist mein Innerstes total aufgewirbelt. Was stimmt nun schon wieder nicht? Wieso kann nicht mal einfach alles total normal verlaufen? Das ist doch nun die natürlichste Sache der Welt, wieso funktioniert das bei mir nicht?

Aber so ein Baby ist und bleibt ein Wunder an sich.

Es lebt, es turnt in mir herum, es lässt mich spontan laut losprusten, wenn es einfach zu niedlich ist, und es berührt mein Herz immer wieder im tiefsten Inneren. Es liegt in Gottes Händen und dort möchte ich es auch lassen. Voller Freude will ich in die Zukunft blicken, lachend und vertrauend.

Vom Mut, fehlerhaft zu sein

Eher unterbewusst hatte ich mir das Ziel gesetzt, die Zeit vor der Geburt des Kindes ganz intensiv und sinnvoll zu nutzen, um an meinem Charakter und verschiedenen Baustellen meines Lebens zu arbeiten. Ich hatte ja bereits von einer Liste von Dingen berichtet, die ich nun seitdem nach und nach abarbeite – darunter auch meine Spinnen- und Konfliktangst. Nun, so gut gemeint mein Anliegen vielleicht war, so merkte ich in letzter Zeit zunehmend, wie es mich unter enormen Druck setzte. Obwohl ich um die Absurdität dieses Gedankens wusste, versuchte ich, vor der Geburt so perfekt wie möglich zu werden – weil ich ja danach zu nichts mehr komme und dann meine Vorbildrolle als Mutter einnehmen muss. Ab da ist jeder Fehler verheerend. Den Gedanken, dass es ja bereits jetzt Auswirkungen auf das Baby hat, wie ich mich fühle, verdrängte ich dabei stets vehement – das ging mir dann doch zu weit…

Nun ja, auf jeden Fall hatte ich am Wochenende dann eine Situation, in welcher ich mit diesem Sachverhalt gewaltig konfrontiert wurde. Mir wurde klar, dass es mir sehr schwer fällt, mir selbst zu vergeben und barmherzig mit mir selbst zu sein. Stattdessen legte ich mir mehr und mehr Druck auf, in der verbleibenden Zeit noch möglichst viel zu lernen und umzusetzen. Als wäre morgen dazu keine Gelegenheit mehr.

Ich dachte schon immer mal, dass das bestimmt übertrieben ist, fand es jedoch nicht allzu schlimm, diesen Ehrgeiz zu entwickeln. Ich meine, Zeit habe ich gerade, das heißt ich kann viel lesen, nachdenken und reflektieren. Was ich dabei allerdings nicht so richtig bemerkte:

Ich strebte ein perfektes, fehlerfreies Ich an.

Das hatte zur Folge, dass ich immer unbarmherziger und ungeduldiger mit mir selbst geworden bin – schließlich bleibt nicht mehr so viel Zeit!

Nach begangenen Fehlern brach ich regelrecht zusammen und bemitleidete mich selbst. Aber sich zurückzuziehen, im Selbstmitleid zu ertrinken und unglücklich zu sein bedeutet Kapitulation, zieht erst recht Versagen nach sich und raubt Kraft, um weiterzumachen. Man kämpft gegen sich selbst an und bleibt in der Vergangenheit stecken.

Aber dieses Wochenende hat ein Umdenken in mir begonnen.

Was tue ich da eigentlich? Ich werde niemals perfekt sein und als Mutter jämmerlich versagen, einen Fehler nach dem anderen machen und Dinge weiterhin lernen müssen. Kleine Baustellen werden verschwinden, größere werden mich noch Jahre lang begleiten. Neue werden hinzu kommen und ich werde mich selbst und mein Kind verletzen und enttäuschen. Aber das ist kein Weltuntergang und völlig normal! Ich werde eine normale Mutter sein, mit Stärken und Schwächen, Gaben und Fehlern. Manche Dinge werde ich erstaunlich gut, andere erschreckend schlecht machen. Davor brauche ich keine Angst haben. Und ich muss kein bestimmtes Level erreichen, um Mutter werden zu dürfen. Ich muss es mir nicht verdienen!

Gott hat mich auserwählt, die Mutter dieses Kindes zu werden und dementsprechend traut Er es mir zu – dann darf ich es mir ebenso zutrauen!

Er weiß um den Stand meiner Prozesse, kennt aber auch mein Herz, mein Bemühen und meine Sorgen. Deswegen kann ich Ihm voll vertrauen, dass Er weiß, was Er tut. Wenn Er mir dieses Kind schenkt, wird Er mich auch mit allem ausstatten, was ich für die Erziehung und Mutterrolle brauchen werde.

Heute kam noch ein Gedanke von Joyce Meyer hinzu:

Ich darf mich durchaus auch bereits während meiner Prozesse gern haben.

Joyce Meyer

Ich darf zufrieden sein mit dem Stand der Dinge – nicht in einer zurücklehnenden, sondern in einer gnädigen Art und Weise, die mir die Zeit gibt, die ich eben für manche Dinge brauche.

Wie befreiend das ist!
Ich darf versagen, gewaltige Fehler machen, Dinge beim hundertsten Mal immer noch nicht hinbekommen. Je mehr ich meine Unfähigkeit erkenne, desto mehr Platz kann ich Gott einräumen, damit Er sich ausbreitet und in meine Schwäche hinein wirkt. Er trägt das Kind in Seinen Händen und Er sorgt für sein Wohl.

Aber es braucht auch Mut, Fehler stehenzulassen. Man muss sich bewusst für diesen Schritt gegen den inneren Drang des Selbstmitleides entscheiden, immer wieder neu.
Das lohnt sich in der Folge aber gewaltig: Wenn man die Fehler sieht, sich entschuldigt, aufsteht und weitergeht, hat man den Fokus nach vorn gerichtet und kann aus dem Fehler lernen, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Außerdem lebt es sich glücklich und unbeschwert viel besser!

Fehler lassen sich nicht vermeiden, aber den Umgang mit ihnen hat man selbst der Hand.

Das will ich in Zukunft radikal ändern!
Und das soll die einzige Baustelle bis zur Geburt sein.

die Angst vorm Weiß

Zweimal pro Woche kommt ein kleiner 4-jähriger Junge aus Spanien zu mir nach Hause. Für eine dreiviertel Stunde übe ich mit ihm Deutsch, damit er altersgemäß eingeschult werden kann.

In seiner ersten Stunde spielten wir eine Version von Make´n Break. Dabei baute er nach einer Anleitung einen Turm aus Steinchen. Um einen Stein nehmen zu können, musste er allerdings zuerst die richtige Farbe auf Deutsch nennen. Am Ende war er richtig gut und konnte relativ fließend die Farben benennen. Nur “Weiß” wollte partout nicht hängenbleiben. Wir brabbelten es ununterbrochen vor uns her, ich fragte ihn wieder und wieder danach, aber es wollte einfach nicht klappen. Irgendwann scannte er bereits die Kärtchen ab, ob das gefürchtete Weiß wieder dabei war. Und natürlich war gerade diese Farbe in fast jedem Turm enthalten!
Er ging mit allen Farben im Kopf, außer eben Weiß.

Wie gut konnte ich mich in ihn hineinversetzen. Wie viele weiße Dinge kenne ich in meinem Leben! Da sind Personen, die ich sehe, und sofort wird ein Gefühl der Vorsicht geweckt, der Herausforderung. Mein persönliches Weiß sind auch Situationen, von denen ich weiß, dass ich schlecht mit ihnen umgehen kann: große Menschenmassen zum Beispiel, oder Diskussionen mit Spannungen im Raum. Da fühle ich mich sofort unwohl. Auch Spinnen gehören dazu – jeder Keller sendet mir sofort Alarmsignale und ich scanne den Boden und die Wände fast schon panisch ab.

An sich ist ja aber eigentlich klar, dass Weiß nichts Schlechtes ist. Es liegt ja auch nicht am Weiß selbst. Das Wort selbst ist so viel einfacher als “Dunkelblau”. Das ist seine Lieblingsfarbe und die wusste der Junge vom ersten Moment an.
Nur irgendwie hat sich die Abneigung gegen Weiß im Laufe der Zeit so entwickelt. Spinnen sind prinzipiell jetzt keine schlechten Tiere – ganz im Gegenteil: Ich weiß, wie nützlich sie sind! Und dennoch…

Wir alle haben Barrieren aufgebaut, Schwierigkeiten festgestellt und Situationen entdeckt, die uns enorm herausfordern. Der natürliche Instinkt lässt uns meistens davor wegrennen. Wir meiden das Weiß. Ich bevorzuge gemütliche kleine Runden, in denen ich mich wohlfühle. Die Personen, die mich herausfordern, sind nicht unbedingt die ersten auf meiner Gästeliste. Na und den Keller meide ich sowieso! So schnell wie ich hängt sicherlich niemand hier im Haus seine Wäsche auf!

Aber ab und zu wage ich doch einen Schritt in Richtigung Weiß. Dann höre ich mir das Wort genau an, achte auf seine Aussprache, verknüpfe es mit seiner Bedeutung und wiederhole es ein paar Mal. Ich entscheide mich immer wieder auch für größere Runden – das braucht allein auch schon mein Mann, der gar nicht genug Menschen auf einem Haufen haben kann! Ich lade dann ganz bewusst diese Personen zum Geburtstag ein. Und aus dem Keller kann ich nicht immer schreiend davonrennen! Da muss ich bleiben und die Spinne im Auge behalten, bis jedes einzelne Kleidungsstück ordentlich aufgehangen ist – mit Wäscheklammer, sonst gibt´s Ärger von den Vermietern!

In der Psychologie geht man von drei verschiedenen Reaktionen auf überfordernde Ereignisse aus: Flight, Freeze und Fight.

Manchmal rennen wir davon (Ich bin schon so manches Mal wegen einer Spinne in meinem Traum wortwörtlich ans andere Ende des Zimmers gerannt, mit wild klopfendem Herzen).
Manchmal frieren wir ein und lassen die Situation irgendwie über uns ergehen (Da fallen mir so einige Beispiele aus meiner Schulzeit ein…).
Aber manchmal müssen wir kämpfen. Die Spinne muss vielleicht nicht gleich sterben, aber ich möchte dahin gelangen, dass sie im gleichen Raum wie ich sein darf. Ich möchte jedem Menschen mit positiven Gedanken begegnen, auch wenn es nicht mein bester Freund ist. Ich möchte nicht vor Fremdschämen unterm Tisch versinken, wenn es eine spannungsgeladene Diskussion gibt, sondern die Verantwortung für die Atmopshäre einfach den Beteiligten selbst überlassen. Dann kann ich auch ganz unbeschwert meine eigenen Gespräche genießen. Und ich möchte mich in größeren Gruppen nicht hilflos fühlen, sondern genauso ich selbst sein, wie in kleineren Runden.

Wir tragen die Verantwortung selbst dafür, wie wir mit unserem Weiß umgehen. Die Farbe kann nämlich nichts dafür. Sie ahnt nicht einmal etwas von unseren Problemen.
Am Ende kommen wir eh nicht darum herum: Wir müssen üben, üben, üben, bis wir alle Farben wie aus der Pistole geschossen benennen können.
Auch das Weiß.